Manfred Schröder: Der Einbrecher


Der Einbrecher

© Manfred Schröder

„Ich muss den Kommissar sprechen“, sagte der Mann. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten und seine Alkoholfahne wehte durch die Wachstube.
Der diensthabende Polizeibeamte blickte nicht gerade freundlich auf die schwankende Gestalt. „Sie sind betrunken. Und wissen Sie, wie spät es ist? Und Sie wollen um diese Zeit den Herrn Kommissar sprechen?“
„Jawohl“, sagte der Mann. „Den Kommissar. Hauptkommissar. Es ist wichtig.“ Er hielt sich mühsam an der Barriere fest, die ihn vom Polizeibeamten trennte. „Also hören Sie, Herr Polizist …“
Dieser seufzte und versuchte es auf die freundliche Art. „Ich bin Hauptwachtmeister Winter. Gehen Sie nach Hause und legen Sie sich schlafen. Und kommen Sie morgen wieder. Dann wird der Kommissar Zeit für Sie haben. Abgemacht?“
„Sie verstehen nichts. Verstehen Sie? Rein garnichts. Ich komme gerade von Zuhause. Und darum muss ich den Herrn Kommissar, Hauptkommissar sprechen.“ Er ließ sich auf die Bank fallen.
Oberwachtmeister Winter hatte Mühe, Ruhe zu bewahren. „Also gehen Sie jetzt und machen Sie kein Theater. Das Polizeirevier ist kein Nachtasyl für Betrunkene. Sonst muss ich Sie wirklich in eine Zelle sperren, wo Sie ihren Rausch ausschlafen können. Doch das wird Sie sehr teuer zu stehen bekommen.“
Der Mann versuchte, sich von der Bank zu erheben. „Sie müssen“, lallte er. „Sie müssen mich einsperren. Denn in meiner Wohnung liegt eine Leiche. Und ich habe sie erschossen. Ja, den Dieb.“ Er rülpste.
Hauptwachtmeister Winter schien die Geduld zu verlieren.
„Jetzt ist aber Schluss. Ich bestelle Ihnen jetzt ein Taxi. Was glauben Sie, was Betrunkene wie Sie, hier alles erzählen. Sie haben doch Geld? Ich meine wegen dem Taxi.“
Der Mann schütttelte den Kopf und lachte. „Das darf doch nicht wahr sein! Ich präsentiere diesem langweiligen Polizeirevier einen Täter, nämlich mich, und der Herr Polizist will mir ein Taxi bestellen. Das ist doch drehbuchreif.“
Er kramte umständlich in seinen Taschen und hatte plötzlich eine Pistole in seiner Hand, die er auf den anderen richtete. „Sehen Sie, Herr Polizist.“
Hauptwachtmeister Winter fuhr erschrocken zurück und stand einen Augenblick starr. Doch schnell hatte er sich wieder gefasst. „Geben Sie mir sofort die Waffe! Machen Sie keine Dummheiten! Ist sie geladen?“
Der Mann reichte ihm die Pistole. „Natürlich ist sie geladen. Was meinen Sie denn! Das ist das Corpus delicti. Das brauchen Sie doch. Und kann ich jetzt den Herrn Kommissar sprechen?“
Hauptwachtmeister Winter hob den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer. Es dauerte eine Weile, bis sich jemand meldete.
„Entschuldigen Sie, Herr Kommissar, dass ich noch so spät anrufe. Hier auf dem Revier behauptet jemand einen Menschen erschossen zu haben. In seiner Wohnung. Ja, die Waffe ist hier. Eine Pistole. Doch der Mann ist betrunken. Ziemlich stark. Die Adresse? Nein, noch nicht. Einen Streifenwagen schicke ich sofort hin. Natürlich auch einen Krankenwagen.“
Er wandte sich an den Betrunkenen. „Wie heissen Sie? Und Ihre Adresse.“
Der Mann nickte anerkennend. „Na, endlich. Felix Sommer. Lindenstrasse vier.“
Hauptwachtmeister Winter gab die Adresse durch.
„Jawohl, Herr Kommissar. Wird gemacht.“
Er legte den Hörer wieder auf und wandte sich an den Betrunkenen. „Der Kommissar wird bald hier sein. Und kommen Sie jetzt hier herüber.“
Der Mann hatte Mühe, sich zu erheben. Nur widerstrebend ließ er helfen. Hinter der Barriere ließ er sich schwer auf einen Stuhl fallen. „Kann man hier rauchen?“
Hauptwachtmeister Winter stellte ihm einen Aschenbecher hin und setzte sich an die Schreibmaschine. „Ich werde jetzt ein Protokol ihrer Aussage machen.“
Der Mann zündete sich umständlich eine Zigarette an. „Ich rede nur mit dem Herrn Kommissar. Verstehen Sie. Ja?“
Mit dem Protokoll würde nichts werden. So saßen beide auf ihren Stühlen und warteten. Der eine ungeduldig, der andere mit starren Augen vor sich hin brummelnd.
Um drei Uhr erschien der Kommissar. Sein Gesicht war unausgeschlafen. „Das ist er also. Gut.“
Der Betrunkene versuchte sich zu erheben. Doch er fiel wieder auf den Stuhl zurück. „Auf Sie habe ich gewartet. Sonst erzähle ich niemanden etwas.“
Der Kommissar zog sich einen Stuhl heran und setzte sich dem Mann gegenüber. „Sie sind also Felix Sommer. Lindenstrasse vier. Eigenheim, nicht wahr?“
Das Gesicht des Betrunkenen strahlte. „Genau, Herr Kommissar. Und in der Diele, da liegt eine Leiche. Muss liegen.“
Der Kommissar hatte Mühe, seine Müdigkeit zu unterdrücken. „Nun erzählen Sie mal Ihre Geschichte.“
Der Mann lebte auf. „Den Einbrecher habe ich erschossen. Notwehr. Reine Notwehr. Mit dieser Waffe da.“ Er zeigte auf den Tisch.
Der Kommissar nahm vorsichtig die Pistole und betrachtete sie einen Augenblick. Dann legte er sie zurück. „Und wie hat sich alles abgespielt?“
„Also. Ich kam nach Hause und … Ich habe übrigens einen Waffenschein.“ Er wühlte in der Innentasche seiner Jacke und wäre beinahe nach vorne gefallen. Nur mit Mühe konnte er das Gleichgewicht halten.
„Lassen Sie nur. Ich glaube Ihnen. Sie kamen nach Hause …“
Der Mann rülpste. „Ja, nach Hause. Beim Aufschließen hörte ich ein Geräusch, das von drinnen kam. Vom Flur. Mir entgeht nämlich nichts. Glauben Sie mir.“
Der Kommissar nickte müde. Der Oberkörper des Mannes neigte sich wieder gefählich nach vorne.
„Ich hab sofort gewusst, da war was.“
„Und dann?“
„Dann? Ja, ich habe meine Pistole in die Hand genommen. Hab ich immer bei mir. Das verstehen Sie doch. Überall nur Banditen.“
„Klar.“
Der Mann kniff sein linkes Auge zu. „Wusst ich doch. Hab dann die Türe geöffnet. Ganz vorsichtig. Und was glauben Sie. Vor dem Spiegel, da sah ich ihn. Den Einbrecher. Mit einer Pistole in der Hand. Mensch, ich sage Ihnen. Als er sie hob, hob ich meine auch. Und schoss. Notwehr. Oder was hätten Sie gemacht?“
Sein Kopf kippte nach unten und schnellte sofort wieder in die Höhe. „Dann bin ich sofort hierher zum Revier gerannt. Und dieser Herr da …“ Er zeigte mit dem Finger auf Hauptwachtmeister Winter. „Dieser Herr da wollte mich wieder nach Hause schicken. Begreifen Sie das? Mit einem Taxi! Und jetzt müssen wir zu meiner Wohnung gehen. Doch ich sagte schon; Notwehr. Ich kann mich doch nicht erschießen lassen.“
Der Kommissar fuhr sich mit seinen Fingern durch das schüttere Haar. „Ich komme gerade aus Ihrer Wohnung.“
Der Mann ruderte unkontrolliert mit seinen Händen durch die Luft. „Und? Stimmt doch alles?“
„Wie man´s nimmt. Die Tür stand offen. Doch eine Leiche mit einem Revolver in der Hand, fanden wir nicht. Nur einen zerschossenen Spiegel.“
Er erhob sich und wandte sich an Hauptwachtmeister Winter. „Bringen Sie ihn in eine Zelle, wo er seinen Rausch ausschlafen kann.“

***
Stichwörter:
Krimi, Kriminalgeschichte, Manfred Schröder, Einbrecher, Mord, Hauptwachtmeister, Hauptkommissar, Pistole

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