Susanne Weinhart: Abschied eines Junggesellen


Abschied eines Junggesellen

© Susanne Weinhart

Iris Wegener stand mit ihrer siebenjährigen Tochter Donata an der eisernen Brüstung und sah besorgt auf den unter ihr liegenden rechteckigen Parkplatz. Der Septemberwind riss an ihrem weißen Kleid, zerrte an ihren braunen Haaren und den darin von geschickten Händen eingeflochtenen Margeriten. Sie war eine kleine Frau mit einem bleichen, hageren Gesicht, welches kaum dem Sonnenlicht ausgesetzt war, ihre ungewöhnlich großen Hände, die einen merkwürdigen Kontrast zu ihren kurzen Armen bildeten, klammerten sich um das Geländer, als würde der gekieste Friedhofsboden vibrieren. Donata Wegeners ebenes Gesicht war verschlossen, der volle Klang der bauchigen Kirchenglocken, das fröhliche Stimmengewirr um sie herum, die letzten Ankömmlinge auf dem Parkplatz schwammen an dem dürren Mädchen vorbei wie abtreibende Hölzer. Hochzeitsvaporetti.
Die kleine Bartholomäuskapelle war voll, der Wind schien alle Stadtbewohner wie trockene Laubblätter sorgsam hereingeschoben haben. Alle, bis auf einen.
Der Bräutigam, Guido Navarro, ließ seit über zwanzig Minuten auf sich warten. Das war schon mehr als ein akademisches Viertel, das man dem oft abgelenkten Anglistik-Habilitierenden zugestehen konnte. Iris drehte den Kopf und musterte ihren Vater, der erregt mit dem rotgesichtigen Pfarrer der Gemeinde vor der Kirchentür flüsterte; sie konnte nicht genau hören, was der kräftige Bäckermeister zu sagen hatte, aber sie kannte ihren Vater gut und lang genug, um den Inhalt zu erahnen. Beide lachten hochmütig, das Lachen wie ein dicker, konsekutiver Strich, sie riefen: „Die Italiener!“, ein nationales Etikett, womit alles über die Ware, den Schwiegersohn in spe, gesagt war. Iris hatte in den letzten zwei Jahren verlernt, sich darüber aufzuregen. Viel wichtiger war jetzt Guido. Hatte er die Ringe vergessen und war noch einmal zurückgefahren? Verschlafen? Hatte er vor der Hochzeitsreise noch Arbeiten für seinen von Neid zerfressenen, erfolglosen Professor Lampert erledigen müssen? Was war los? Guido, bitte!! Als Iris Alessandro, Guidos älteren Bruder aus Venedig, aus der Kirche treten sah, sich fragend umblickend, zerrte sie die sich sträubende Donata hinter sich her, redete schnell auf Alessandro ein, der mit einem „Si, si“ zu seinem Auto sprintete, Iris und Donata tappten langsam, auf ihre Kleidersäume achtend, die breiten steinernen Stufen hinunter und stiegen wie kleine toupierte Wolken in den wartenden himmelblauen Volvo.
Es muss ihm etwas passiert sein, überlegte Iris schließlich, das weiße Tüll des Schleiers von einer Hand in die andere reichend, etwas Schlimmes. Oder er war von der gestrigen Feier völlig weggetreten.
Alessandro fragte alle zwei Minuten Donata „Stai bene, cara?“, worauf Donata immer auf Deutsch antwortete. „Ja. Doch. Klar.“ Dazwischen gähnte sie.
„War es gestern noch wild?“, fragte Iris Alessandro streng, der durch die staubigen, verwinkelten Straßen der mittelalterlichen Stadt preschte wie ein Ralleyfahrer nach Dakar.
„Maaah..,“, antwortete er vielsagend, „Guido e vino … das verträgt sich nicht gut.“ Er musste grinsen, dachte wohl an eine besonders lustige Anekdote der Junggesellenfeier, die im geräumigen Keller des Wegener-Hauses stattgefunden hatte.
Iris stimmte in Gedanken zu, was sie aber nicht daran hinderte, Alessandro energisch zu widersprechen. Innerlich atmete sie auch ein wenig auf. Wahrscheinlich hatte Guido einfach zu tief ins Glas geschaut. Er trank ja kaum an Sylvester Alkohol, worüber sich seine italienische Verwandtschaft bei jeder Gelegenheit mokierte. Che vergogna!
Sie bogen schwungvoll in den ausgestorbenen Hof hinein, der am idyllischen Waldrand lag, daneben der überschwemmte Fußballplatz und ein im Verfall begriffener Holzstadel mit einst teuren Geweihen und Lüftlmalereien, die verschiedene Städte zeigten, darunter München und Lübeck. „Buddenbrook-Laube“, nannte sie Guido liebevoll.
„Guido!“
Alessandro und Iris schrien abwechselnd seinen Namen, als sie ins nicht abgesperrte Haus stürzten und in den Keller liefen. Tatsächlich hing er vornüber in einem der knarzigen Korbstühle, das weiße Hemd vorne aufgeknöpft, vor sich zerbrochene Teller und leere Rotweinflaschen, die schwarzen, schönen Haare wild zerzaust. Donata staunte sie an.
„Guido!“ Iris rüttelte an seinen Schultern, ein Stöhnen erwartend, ein ärgerliches oder erschrockenes Grunzen, doch nichts kam. Stattdessen lösten sich Guidos aufgestützten Arme von der Tischplatte und der schwere Körper des Mannes polterte zu Boden.
Alessandro packte seinen Bruder und drehte ihn mit der einen Hand auf den Rücken, während er mit der anderen den Puls am Hals suchte.
„Guido!“ Iris‘ Stimme gellte durch den Keller, durch den Hof, das Ausrufezeichen groß wie ein sechster Kontinent, sein Punkt vielleicht Australien.
Guido konnte seiner Braut nicht antworten, so laut sie auch den geliebten Namen schrie. Er war tot.
Alessandro ließ erschrocken den feuchten, eiskalten Hals los, so dass Guidos Kopf dumpf auf den Berberteppich prallte.
„Mio dio!“
*
Auf den ersten Blick herrschte am Montag nach dem grausigen Fund friedvolle Geschäftigkeit in der niedrigen, hellgrünen Küche, die zur Bäckerei Wegener gehörte. Iris knetete in einer weißen Emailschüssel einen dicken Mürbteig, ihre großen, kräftigen Hände teilten bedächtig die mehlige Masse, vor ihr lagen in sorgsam getrennten Häufchen Bitterschokoladensplitter, fein geschnittene Apfelschnitze, glänzende, nach Rum duftende Rosinen, daneben zwei gut eingefettete, runde Kuchenformen. Donata hatte Iris in die Schule geschickt, zu Hause würde sie nur noch unruhiger werden. Erschöpft hielt sie im Kneten inne und rieb sich mit dem fast teigfreien Handrücken die Stirn. Draußen schien die Sonne, sie stach durch das ausladende Fenster wie kleine Rasierklingen auf Iris ein. Sie griff hinter sich nach der ausgebeulten, warmen Dose mit dem gemahlenen Zimt und fuhr leicht zusammen. An der Tür stand ein großer, kräftig gebauter Mann in einem schwarzen Blouson, der sie unverwandt anstarrte. „Guten Morgen, Frau Wegener“, sagte er, wobei er sich nicht einen Zentimeter in die Küche bewegte, „ich bin Jo Lilienstein, Kripo Kranzstadt.“ Er zeigte seine Marke.
Lilienstein hatte bereits den Bericht seines jungen Kollegen Wolter sorgfältig gelesen, der ihn gestern vertreten hatte, als er seine Frau von einem überteuerten Wochenendseminar in Weimar abgeholt hatte, mit dem Gerichtsmediziner telefoniert, ein kurzes Gespräch mit seinem Vorgesetzten Luca auf dem zugigen Gang des Reviers geführt und eben den Kellerraum inspiziert. Er betrachtete die kleine Person, die sich mit müdem Blick und ohne Begrüßung von ihm abgewandt hatte und ihren Teig fertig knetete, aufmerksam. „Wir wissen nun, woran Ihr Mann … Ihr Bräutigam gestorben ist, Frau Wegener. Sowohl im Körper als auch in der Weinflasche, die vor ihm stand und aus der er trank, sind hohe Mengen Barbiturate gefunden worden. Eine Überdosis an Schlafmitteln.“
„Schlafmittel?“ Iris boxte auf den störrischen Teig, bis er sich zu einer Kugelform überreden ließ. „Ich habe noch nie gesehen, dass Guido Schlafmittel genommen hat. Er brauchte ja nichts, er konnte quasi auf Knopfdruck schlafen. Das muss ihm jemand hinein getan haben, oder … oder …“ Ihre sonst energische Stimme verebbte.
„Oder er hätte sich selbst umgebracht“, ergänzte Lilienstein sanft, „was wir nicht ausschließen dürfen. Wissend oder unwissend. Promille genug hatte er ja.“
Iris sah Lilienstein verächtlich an, wie eine missratene Breze. „Nie hätte er das getan.“ Sie teilte die Kugel in zwei Hälften und klatschte diese zornig in die Formen. „Wir wollten gestern heiraten, oder haben Sie das vergessen?“ In ihr stiegen die Tränen hoch, aber sie biss sich auf die Zunge.
„Haben Sie Barbiturate im Haus?“
„Natürlich. Mit der Zeit bekommt jeder, der in einer Bäckerei arbeitet, Schlafstörungen. Die permanente harte Nachtarbeit in der Hitze und im grellen Licht, das stundenweise Schlafen am Tag, irgendwann geht die innere Uhr verloren. Man will schlafen und kann nicht mehr.“ Iris schnaubte.
„Ihr Vater zum Beispiel?“
„Ja.“
„Leiden Sie auch darunter?“
„Ja.“ Iris wurde misstrauisch.
„Wo befinden sich die Schlafmittel?“
„In dem Apothekerkasten bei uns in der Diele.“
„Also für jeden, der sich im Haus befindet, zugänglich, falls das Schlafmittel von dort entwendet wurde. Es kann natürlich auch mitgebracht worden sein.“ Lilienstein seufzte. „Ich werde mir das mal ansehen. Wissen Sie übrigens, wer gestern nach Mitternacht noch bei Guido im Keller war?“
„Nein, ich war ja nicht dabei. Bestimmt Alessandro und Gianni, seine beiden Brüder, unsere Väter … die beiden Freunde vom Fußball, Stefan Sonner und Thomas Reiß, ein paar von der Universität … mehr kann ich nicht sagen.“
„Sie haben ja geschlafen.“
„Richtig.“
„Sie haben nichts gehört?“
„Nein.“
„Aber es muss doch laut gewesen sein, solche Junggesellenabschiede sind ja keine Gebetskreise.“
Iris schwieg, während sie die Apfelschnitze exakt in die Formen schichtete.
„Es sei denn, man hat Schlafmittel genommen … da bekommt man nichts mehr mit, nicht wahr?“ Lilienstein sah Iris prüfend an und stolperte durch das alte Haus mit den bunten Tapeten und dem zerfurchten, nussbraunen Holzboden, bis er in der Diele das weiße Apothekerschränkchen ausmachte. Er öffnete es vorsichtig mit einer Telefonkarte, heraus fiel eine große, türkisfarbene Packung, mit dem Namen des Schlafmittels, den ihm Roland Pauly, der Gerichtsmediziner, genannt hatte. Erschrocken schob Lilienstein sie mit dem Fuß zur Seite. Sie stand offen und war völlig leer.

Nachdem Lilienstein die Packung ins Labor geschickt hatte, um Fingerabdrücke überprüfen zu lassen – weitere Schlafmittel hatte er nicht gefunden – machte er sich als Erstes auf den Weg in eine Pension in der Rittergasse, in der die italienische Verwandtschaft von Guido Navarro für die Dauer der Feierlichkeiten abgestiegen war. Von den Fingerabdrücken versprach er sich nicht viel. Er hatte auch noch in sämtliche Mülleimer im und um das Haus herum einen Blick geworfen. Keine leeren Folienhülsen.
Im Foyer traf er auf Gianni Navarro, Guidos Zwillingsbruder. Er trank einen schwarzen Kaffee und schien über den Besuch des Polizisten nicht im Mindesten überrascht zu sein. Wie sein Bruder, dem er sehr ähnlich sah, wie Lilienstein, der bislang nur Fotos des toten Guido gesehen hatte, insgeheim konstatierte, sprach er exzellent Deutsch. Er bestätigte Lilienstein die von Iris genannten Personen.
„Wann haben Sie Guido gestern verlassen?“
Gianni überlegte. „So um halb zwei, denke ich. Zusammen mit papà und Alessandro. Er schien schon sehr müde zu sein. Wegener war kurz vor uns gegangen, Guidos amici schon um einiges früher. Guido war den ganzen Abend sehr vergnügt, obwohl Iris‘ Vater ihn öfter provoziert hat. Na ja.“ Er schaute auf den Boden, dann auf Lilienstein. „Haben Sie schon einen Verdacht, commissario?“
„Iris‘ Vater hat ihn provoziert?“ Lilienstein überlegte.
„Na ja, die alte Leier eben. Italiener, faul, Spaghettifresser, brotlose Künste, Frauenverführer, nichts für seine Tochter. Das sagt er schon, seit ich ihn kenne.“
Lilienstein horchte auf. „Wie lange kennen Sie ihn denn schon?“
„Oh, eine ganze Weile. Vier Jahre vielleicht. Ich habe hier in der Stadt Medizin studiert, bevor Guido aus Venezia nachkam. Und Iris bald auf einem Weinfest getroffen.“
Lilienstein blickte forschend in das offene Gesicht des attraktiven Italieners. Er konnte sich vorstellen, dass Frauenherzen bei Gianni Navarros Lächeln höher schlugen. Auch Iris Wegeners Herz? „Hatten Sie mit Iris Wegener ein Verhältnis?“, fragte er beinahe schüchtern und ärgerte sich gleich darüber, überhaupt gefragt zu haben.
„Verhältnis? Si, etwa eineinhalb Jahre. Sie war sehr unglücklich, nachdem der Vater von Donata sie sitzen gelassen hatte.“
„Und dann?“
„Dann kam Guido. Kam, sah und siegte. Basta.“ Er grinste, wurde aber gleich wieder ernst.
„Und starb“, ergänzte Lilienstein leise.
„Wie ich vorher schon fragte, commissario: haben Sie schon einen Verdacht?“ Giannis Augen wurden zu schmalen Schlitzen.
Schon jetzt zu viele, dachte Lilienstein und verabschiedete sich dankend.
*
Was Alessandro vor allem beisteuerte, war Verwirrung. Er jammerte, schrie und schluchzte, als Lilienstein ihn in seinem Zimmer nach den Vorgängen des Abends befragte, sprach von Speisen, die überhaupt nicht im Raum gewesen waren, von Donata als kleiner Fee und verfluchte sich und schließlich den Mörder, den er eigenmächtig richten werde, sobald er denn feststehe. Schließlich war Lilienstein überzeugt, dass Alessandro an dem Abend entweder so betrunken war, dass er keine sachdienlichen Informationen liefern konnte, oder dieser dramatische Auftritt war eine ihm zugeeignete Verschleierungsoper. Auch Alessandros Vater, der wie betäubt neben seiner schönen, gütig blickenden Frau saß, war nichts aufgefallen. Guido sei nie aus dem Raum gegangen, nur einmal auf die Toilette im hinteren Keller. Auch sonst habe niemand den Raum verlassen oder sei hinauf ins Wegener-Haus gegangen. Iris Vater hätte sich sehr unfreundlich gegenüber der Familie verhalten und sie beleidigt.
Als das Schweigen zu nisten begann, fragte Lilienstein zögerlich: „Was haben Sie damals dazu gesagt, dass Guido Gianni die Freundin ausgespannt hat?“
Der Alte sah überrascht aus. „Das wusste ich gar nicht, dass Iris Giannis Freundin war. Aber bei den Zwillingen war das oft so. Genetico!“ Er zuckte traurig mit den Achseln.
Lilienstein erkundigte sich noch vorsichtig, was Guido einmal von der Familie geerbt hätte. „Meine Buchhandlung in Venezia mit dem Familienhaus. Gianni verdient gut als Arzt in Genf, und Alessandro hat keine Ahnung von Büchern, geschweige denn von wirtschaftlichen Dingen. Es wird eine Katastrophe, wenn nun Alessandro das Geschäft bekommt.“
„Kannte Alessandro Ihren Willen?“
„Ich habe es ihm vor ein paar Tagen zum wiederholten Mal gesagt. Er kannte ihn gut.“
„Wäre Iris ihrer Meinung nach die passende Frau für Guido gewesen?“
„Perché no? Sie ist eine nette, fleißige Frau.“
„Aber Sie hatte bereits ein Kind …“
„Das war Guidos Sache, und ihn störte das nicht. Im Gegenteil.“
Lilienstein nickte, blickte auf das verstörte Gesicht von Signora Navarro, murmelte ein „Scusi“ und ging.
*
Als Lilienstein wieder vor dem großen Bauernhaus mit den bunten Geranien parkte, war es bereits später Nachmittag geworden. Annika, seine kleine Tochter, war nach dem Mittagessen im Garten in eine Wespe getreten und da ihre Ferse tennisballgroß angeschwollen war, hatte sie darauf bestanden, zur Klinik gefahren zu werden, „um nicht den Wespentod zu sterben“, was sie alle zwei Minuten befürchtete. Nun hatte sie einen kleinen Verband bekommen, ein Mediziniheft und ein Kühlkissen, mit dem sie sich auf Liliensteins Sofa im Arbeitszimmer verzog und schließlich als Überlebende einschlief. Lilienstein musste lächeln, als er ausstieg. Doch das Lächeln flog aus seinem Gesicht, als er Donata sah, die auf einer Leiter stand und ihre Nase nahezu in ein großes, graubraunes Wespennest steckte, das unter dem Giebel der bemalten Laube klebte, nahe den abblätternden Kuppeln der Münchener Frauenkirche.
„Hey, geh da weg von den Wespen!“, schrie Lilienstein, der von unten sah, dass die Wespen begannen, auf Donata einzufliegen.
Donata stieg schuldbewusst, aber ohne Hektik von der Leiter. „Die sind nicht so schlimm“, sagte sie zu Lilienstein, „Mama sagt, es ist nur schlimm, wenn man sie verschluckt, und ich hatte den Mund fest zu.“
Lilienstein schüttelte den Kopf, dachte an Annikas Todesängste und musterte das hübsche, aber herbe Mädchen. „Bist du traurig, dass Guido tot ist?“
Donata nickte, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie rannte um das Haus.
Iris kam aus der Backstube und musterte Lilienstein unfreundlich. „Was haben Sie zu Donata gesagt? Das Kind macht schon genug durch.“
„Ist Ihr Vater da?“, entgegnete Lilienstein statt einer Antwort, „ich muss mit ihm sprechen.“
„Der repariert die defekte Semmelmaschine im Rückgebäude.“ Iris machte keine Anstalten, ihm den Weg zu zeigen. Vielleicht wollte sie auch ihrem Vater nicht über den Weg laufen.
„Was ich Sie noch fragen wollte, Frau Wegener: wie viel Tabletten waren denn ungefähr noch in der Packung, als sie sie zum letzten Mal in der Hand hatten, und wann war das?“
„Das war so um zehn. Da war noch ein volles Folienblatt mit zwölf Tabletten drin.“
Lilienstein notierte sich auch das, obwohl er solche Dinge selten vergaß und irrte auf gut Glück durch die Backstube in Richtung Nordseite des Hauses. Tatsächlich fand er nach einigem Hinhören den Bäckermeister Wilhelm Wegener, der gerade fluchend seine Werkzeugtasche auf den Kopf stellte.
„Wer sind Sie?“, blaffte er, als er Lilienstein gewahr wurde. Sein Gesicht war rot angelaufen und drohte über dem zitternden Schnauzbart zu explodieren.
„Ich bin von der Polizei, Herr Wegener. Jo Lilienstein. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.“
„Fragen, Fragen“, keuchte der andere, unter die kupferne Maschine robbend, „schauen Sie zu, dass Sie Antworten haben, wenn die Mörder hier ein und aus gehen!“
„Wann haben Sie Guido Navarro zum letzten Mal lebend gesehen?“, fragte Jo ruhig, vorsichtig das blinkende Werkzeug außer Wegeners Reichweite schiebend.
„Lebend gesehen, lebend gesehen … gestern halt … bei der Junggesellensause hab ich ihm noch mal meine Meinung gesagt, dass ich nicht einverstanden bin mit dem Ganzen.“
„Sie meinen die Heirat?“
„Die Hochzeit, der Wegzug von Iris und Donata nach Venedig, dass meine Bäckerei keinen Nachfolger hat, dass ich fremde Leute einstellen muss …“ Wegener kam mit tropfender Stirn und ölverschmierten Händen unter der Maschine hervor, „das wäre ein Fiasko geworden. Gegangen bin ich um ein Uhr. Da hat er Donata einen Kuss gegeben und gesagt, das hieße ‚bacio‘ auf Italienisch“. Er spuckte auf den backsteinroten Kachelboden.
Lilienstein nickte. „Dann kam der Tod von Guido ihnen ja nicht ungelegen, oder?“
„Wenn Sie so wollen: ja. Ich habe noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich mir einen anderen Schwiegersohn wünschte.“ Der Bäckermeister stemmte die muskulösen Arme in die Hüfte. „Noch Fragen?“
„Wann haben Sie zum letzten Mal das Schlafmittel im Apothekerkasten benutzt?“
„Schon länger her. Ein paar Tage. Letzten Mittwoch vielleicht.“
„Wie viele Tabletten waren da noch in der Packung?“
„So was merke ich mir nicht.“
„Haben Sie an Guidos Verhalten an dem Abend, gerade als Sie gingen, etwas Merkwürdiges feststellen können?“
Wegener lachte freudlos und winkte ab: „Er war Italiener und betrunken … das war sozusagen die Summe seines Verhaltens, Herr Kommissar.“
Lilienstein hatte genug gehört und ging. Vor seinem Auto stritten sich drei graue Katzen um eine tote Maus. Deinen Tod aufzuklären, wäre fast so schwierig wie bei Guido Navarro, dachte Lilienstein mit Blick auf das herumgezerrte Tierchen und ließ in der untergehenden Sonne den Motor an.
*
Er war auf seinem Sofa eingeschlafen, nachdem er bis in die Nacht über seinen Notizen gebrütet hatte. Die schweren Vorhänge hatte er nicht zugezogen, so dass die frühe Helligkeit im Zimmer ihn aufscheuchte. Ihn fror. Gestern hatte er noch mit den drei Kommilitonen und den zwei Fußballkumpel Guidos telefoniert. Es stellte sich heraus, dass sie ein Taxi zu fünft in die Innenstadt genommen hatten, um genau 23.30 Uhr. Zu dieser Zeit stand der präparierte Brunello noch gar nicht auf den Tisch, wie Lilienstein herausgefunden hatte, da tranken noch alle den billigen Chianti, sie hätten demnach gar nicht wissen können, in welche der unzähligen Brunelloflaschen aus den edlen venezianischen Holzkisten das Schlafmittel zu bröseln sei. Unwahrscheinlich auch, dass einer von ihnen im Zeitraum von 22 bis 23.30 Uhr unbemerkt zu einem ihn wohl völlig unbekannten Apothekerkasten gepilgert wäre und dort zufällig Schlafmittel gefunden hätte. Der von Lilienstein aus dem Bett geklingelte Roland Pauly meinte schlaftrunken, bei den Mengen müsse man von einer „Vergiftungszeit“ von etwa ein bis zwei Uhr rechnen, die Zeit, die gerade sein Wecker anzeigte, falls Lilienstein das entgangen sei, schließlich war Guido beim Abschied der Italiener um halb zwei noch ansprechbar gewesen, in diesem Zeitraum müsse Guido schlussendlich den „Wein im Schlafrock“ konsumiert haben. Mordmotive der fünf – ebenfalls Fehlanzeige, dachte Lilienstein, der sich die auf den Boden gefallene Schurwolldecke fest auf den Bauch presste. Blieb also der familiäre, motivreiche Kreis um den Navarro-Wegener-Clan, wo er nicht weiterkam. Auf dem Schlafmittel waren wie vermutet Fingerabdrücke von Iris, Donata und Wilhelm Wegener zu finden, auf der Flasche hatte Guido alles verwischt. Selbstmord hielt er für absurd.
In dem Moment hörte Lilienstein das grelle Sechs-Uhr-Läuten des Weckers seiner Frau im anliegenden Schlafzimmer, kurz darauf klopfte es an seiner Tür, und Laura schob sich mit einer Tasse Kaffee witternd herein. „Gut, dass du ein eigenes Zimmer hast, Jo, ansonsten wären wir einer Scheidung den entscheidenden Schritt näher“, lachte sie, als sie sah, dass er wach war, und küsste ihn auf den Mund.
Lilienstein brummte und nahm ihr die heiße Tasse aus der Hand, bevor sie es sich anders überlegte. „Wie geht’s Annika?“
„Gut, sie will heute mit Gummistiefeln in die Schule“, meinte Laura gähnend und tappte wieder aus dem Zimmer, um ihre korrigierten Aufsätze vom Schlafzimmerboden einzusammeln.
Lilienstein trank den Kaffee in kleinen, schnellen Schlucken, während er noch einmal die Notizen überflog und doch eigentlich an Annika und ihre Ferse dachte, bis ihn etwas stutzig machte, das er in der gestrigen Hektik der wie junge Vögel herein flatternden Berichte übersehen hatte. Im Weinrest in Guidos Flasche hatte man noch etwas anderes als das Schlafmittel entdeckt, etwas, das Jo als „nicht außergewöhnlich“ überlesen hatte – Jo ärgerte sich über sich selbst und rannte zum Telefon. Er ließ sich mit Gianni Navarro verbinden. Er war blass, als er auflegte.
*
Um vierzehn Uhr hatte sich die ganze Familie Navarro bei Wegeners auf der Terrasse versammelt, um Guidos Beerdigung in Kranzstadt zu organisieren, da die Leiche nach der Obduktion offiziell freigegeben worden war.
Lilienstein kam leise von der Nordseite hinzu, als sich Iris und ihr Vater wieder in den Haaren lagen – Iris wollte Guido im Familiengrab neben ihrer Mutter beerdigen, Wilhelm sprach Guido jegliche Familienzugehörigkeit rundum ab, worauf die Navarros in entrüstetes Geschrei („assassino!“, „traditore!“) ausbrachen und drohten, Guido sofort nach Venedig überführen zu lassen, auf Wegeners Kosten. Signora Navarro weinte still in ihr gesticktes Taschentuch hinein, Donata klammerte sich an die hysterisch kreischende Iris. Alle verstummten, als sie Lilienstein erblickten, der höflich grüßte, sich einen Stuhl heranzog und sich an ihren Tisch setzte. Auge und Auge mit einem Mörder. Lilienstein war auch nach zwanzig Jahren immer noch verblüfft, welche Gesichter Mord annahm.
„Wissen Sie jetzt, wer der Mörder meines Sohnes ist?“, fragte Signor Navarro heftig. „Wenn ja, sagen Sie es! Schnell! Ansonsten: Va!“
Lilienstein schluckte. „Ja, ich weiß, wer Guido umgebracht hat. Er sitzt hier am Tisch, wie es aufgrund der begrenzten Zahl der an der Feier Beteiligten nicht anders sein kann. Alles, was ich zu seiner Entschuldigung vorbringen kann, ist, dass er nicht wusste, was er tat.“
„Alkohol? Ich bitte Sie! Das war doch vorsätzlich gedacht!“, blaffte Iris.
„Da gebe ich Ihnen recht, Frau Wegener, Alkohol wäre keine Entschuldigung bei gleichzeitigem Wissen um die Gefährlichkeit von Barbituraten.“
„Ich verstehe Sie nicht, commissario“, schüttelte Gianni den Kopf, „worauf wollen Sie hinaus? Dass jemand zum Spaß diese Mengen Schlafmittel Guido in den Wein gefüllt hat?“
„Nicht zum Spaß. Sie, Gianni, haben mir heute die letzte Gewissheit gebracht. Ich habe Sie alle befragt, welche Personen denn auf der Junggesellenfeier anwesend waren. Ich bekam immer die gleiche Liste. Guido, Gianni, Alessandro, Signor Navarro, Herr Wegener, die fünf Freunde. Jeder schwor, dass sonst niemand da war. Und doch … Alessandro erwähnte es wie einen Traum, während Herr Wegener es detailliert in einer achtlos dahingeworfenen Bemerkung schilderte: Donata war kurz im Raum. Gianni hat es mir heute nach exaktem Nachfragen meinerseits bestätigt.“
„Donata? Was reden Sie da!?“ Iris Stimme wurde schrill. Sie sah sich nach Donata um, die leichenfahl von ihrem Stuhl aufsprang und wie gehetzt ins Haus stürzte.
„Gehen wir rasch hinterher“, murmelte Lilienstein, „ich erkläre es Ihnen auf dem Weg. Sehen Sie, Donatas Fingerabdrücke waren auf der Packung. Das sagte noch gar nichts, da sie Ihnen bestimmt mal die Packung ins Zimmer gebracht hat. Selbst ist sie ja zu klein für diese Tabletten, im Beipackzettel wird die Medikation von Kindern ausdrücklich abgeraten. Die kleinen Bemerkungen von Alessandro und von Herrn Wegener, der sich darüber aufregte, dass seine Enkelin mit einem ‚bacio‘ von Guido verdorben wird, blieben bei mir nicht als Bild haften. Erst als ich heute Morgen las, was noch in Guidos präparierter Flasche gefunden worden ist, klingelte es bei mir.“
„Was war das denn in der Flasche?“, fragte Alessandro atemlos, als sie die breiten Treppen zu Donatas Zimmer unter dem Dachgeschoss hoch hasteten.
„Der Flügel einer Wespe. Donata hat nicht nur im Trubel unbemerkt die zermahlenen Tabletten hineinrinnen lassen, sondern hatte, um ganz sicher zu gehen, dass Guido etwas passiert, eine Wespe in den Wein geworfen. Da im ganzen betonierten Kellerraum kein einziges Fenster existiert, muss die Wespe ‚künstlich‘ in den Raum gekommen sein. Sie hat Guido aber nicht mehr gestochen, sie war schon tot, als er sie mit dem Wein hinunterspülte.“ Lilienstein musste kurz Luft holen, während die anderen mit unglücklichem Gesicht weiter nach oben eilten.
Lilienstein rannte hinterher, er sah noch über die Köpfe der Navarros, wie sich Donata hinter einem riesigen Puppenhaus verkroch. Es stellte den farbenfrohen Hof der Wegeners in Miniaturform dar, Wilhelm Wegener hatte es eigens für seine Enkelin in freien Stunden gezimmert.
Iris warf sich auf ihre Tochter, die um sich schlug.
„Ich wollte nicht nach Italien! Ich will hier bleiben! Mit Gianni! Guido sollte nur lange Tage schlafen oder einen ganz dicken Mund haben, damit er nicht ja sagen kann …“ Ihre Stimme zitterte.
Lilienstein trat vorsichtig hervor und besah sich das kunstvolle Puppenhaus. Im Keller war eine Bar dargestellt, mit vielen Wein- und Whiskeyflaschen, dazwischen standen lachende schwarzhaarige Playmobilfiguren und ein Billardtisch mit gläsernen Murmeln. Behutsam zog Lilienstein unter dem Tischchen ein silbrig glänzendes Papier hervor. Es war das Folienblatt des Schlafmittels mit zwölf leeren Tablettenhülsen.
Lilienstein steckte es betreten in eine durchsichtige Tüte.

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