Manfred Schröder: Der Einbrecher


Der Einbrecher

© Manfred Schröder

„Ich muss den Kommissar sprechen“, sagte der Mann. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten und seine Alkoholfahne wehte durch die Wachstube.
Der diensthabende Polizeibeamte blickte nicht gerade freundlich auf die schwankende Gestalt. „Sie sind betrunken. Und wissen Sie, wie spät es ist? Und Sie wollen um diese Zeit den Herrn Kommissar sprechen?“
„Jawohl“, sagte der Mann. „Den Kommissar. Hauptkommissar. Es ist wichtig.“ Er hielt sich mühsam an der Barriere fest, die ihn vom Polizeibeamten trennte. „Also hören Sie, Herr Polizist …“
Dieser seufzte und versuchte es auf die freundliche Art. „Ich bin Hauptwachtmeister Winter. Gehen Sie nach Hause und legen Sie sich schlafen. Und kommen Sie morgen wieder. Dann wird der Kommissar Zeit für Sie haben. Abgemacht?“
„Sie verstehen nichts. Verstehen Sie? Rein garnichts. Ich komme gerade von Zuhause. Und darum muss ich den Herrn Kommissar, Hauptkommissar sprechen.“ Er ließ sich auf die Bank fallen.
Oberwachtmeister Winter hatte Mühe, Ruhe zu bewahren. „Also gehen Sie jetzt und machen Sie kein Theater. Das Polizeirevier ist kein Nachtasyl für Betrunkene. Sonst muss ich Sie wirklich in eine Zelle sperren, wo Sie ihren Rausch ausschlafen können. Doch das wird Sie sehr teuer zu stehen bekommen.“
Der Mann versuchte, sich von der Bank zu erheben. „Sie müssen“, lallte er. „Sie müssen mich einsperren. Denn in meiner Wohnung liegt eine Leiche. Und ich habe sie erschossen. Ja, den Dieb.“ Er rülpste.
Hauptwachtmeister Winter schien die Geduld zu verlieren.
„Jetzt ist aber Schluss. Ich bestelle Ihnen jetzt ein Taxi. Was glauben Sie, was Betrunkene wie Sie, hier alles erzählen. Sie haben doch Geld? Ich meine wegen dem Taxi.“
Der Mann schütttelte den Kopf und lachte. „Das darf doch nicht wahr sein! Ich präsentiere diesem langweiligen Polizeirevier einen Täter, nämlich mich, und der Herr Polizist will mir ein Taxi bestellen. Das ist doch drehbuchreif.“
Er kramte umständlich in seinen Taschen und hatte plötzlich eine Pistole in seiner Hand, die er auf den anderen richtete. „Sehen Sie, Herr Polizist.“
Hauptwachtmeister Winter fuhr erschrocken zurück und stand einen Augenblick starr. Doch schnell hatte er sich wieder gefasst. „Geben Sie mir sofort die Waffe! Machen Sie keine Dummheiten! Ist sie geladen?“
Der Mann reichte ihm die Pistole. „Natürlich ist sie geladen. Was meinen Sie denn! Das ist das Corpus delicti. Das brauchen Sie doch. Und kann ich jetzt den Herrn Kommissar sprechen?“
Hauptwachtmeister Winter hob den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer. Es dauerte eine Weile, bis sich jemand meldete.
„Entschuldigen Sie, Herr Kommissar, dass ich noch so spät anrufe. Hier auf dem Revier behauptet jemand einen Menschen erschossen zu haben. In seiner Wohnung. Ja, die Waffe ist hier. Eine Pistole. Doch der Mann ist betrunken. Ziemlich stark. Die Adresse? Nein, noch nicht. Einen Streifenwagen schicke ich sofort hin. Natürlich auch einen Krankenwagen.“
Er wandte sich an den Betrunkenen. „Wie heissen Sie? Und Ihre Adresse.“
Der Mann nickte anerkennend. „Na, endlich. Felix Sommer. Lindenstrasse vier.“
Hauptwachtmeister Winter gab die Adresse durch.
„Jawohl, Herr Kommissar. Wird gemacht.“
Er legte den Hörer wieder auf und wandte sich an den Betrunkenen. „Der Kommissar wird bald hier sein. Und kommen Sie jetzt hier herüber.“
Der Mann hatte Mühe, sich zu erheben. Nur widerstrebend ließ er helfen. Hinter der Barriere ließ er sich schwer auf einen Stuhl fallen. „Kann man hier rauchen?“
Hauptwachtmeister Winter stellte ihm einen Aschenbecher hin und setzte sich an die Schreibmaschine. „Ich werde jetzt ein Protokol ihrer Aussage machen.“
Der Mann zündete sich umständlich eine Zigarette an. „Ich rede nur mit dem Herrn Kommissar. Verstehen Sie. Ja?“
Mit dem Protokoll würde nichts werden. So saßen beide auf ihren Stühlen und warteten. Der eine ungeduldig, der andere mit starren Augen vor sich hin brummelnd.
Um drei Uhr erschien der Kommissar. Sein Gesicht war unausgeschlafen. „Das ist er also. Gut.“
Der Betrunkene versuchte sich zu erheben. Doch er fiel wieder auf den Stuhl zurück. „Auf Sie habe ich gewartet. Sonst erzähle ich niemanden etwas.“
Der Kommissar zog sich einen Stuhl heran und setzte sich dem Mann gegenüber. „Sie sind also Felix Sommer. Lindenstrasse vier. Eigenheim, nicht wahr?“
Das Gesicht des Betrunkenen strahlte. „Genau, Herr Kommissar. Und in der Diele, da liegt eine Leiche. Muss liegen.“
Der Kommissar hatte Mühe, seine Müdigkeit zu unterdrücken. „Nun erzählen Sie mal Ihre Geschichte.“
Der Mann lebte auf. „Den Einbrecher habe ich erschossen. Notwehr. Reine Notwehr. Mit dieser Waffe da.“ Er zeigte auf den Tisch.
Der Kommissar nahm vorsichtig die Pistole und betrachtete sie einen Augenblick. Dann legte er sie zurück. „Und wie hat sich alles abgespielt?“
„Also. Ich kam nach Hause und … Ich habe übrigens einen Waffenschein.“ Er wühlte in der Innentasche seiner Jacke und wäre beinahe nach vorne gefallen. Nur mit Mühe konnte er das Gleichgewicht halten.
„Lassen Sie nur. Ich glaube Ihnen. Sie kamen nach Hause …“
Der Mann rülpste. „Ja, nach Hause. Beim Aufschließen hörte ich ein Geräusch, das von drinnen kam. Vom Flur. Mir entgeht nämlich nichts. Glauben Sie mir.“
Der Kommissar nickte müde. Der Oberkörper des Mannes neigte sich wieder gefählich nach vorne.
„Ich hab sofort gewusst, da war was.“
„Und dann?“
„Dann? Ja, ich habe meine Pistole in die Hand genommen. Hab ich immer bei mir. Das verstehen Sie doch. Überall nur Banditen.“
„Klar.“
Der Mann kniff sein linkes Auge zu. „Wusst ich doch. Hab dann die Türe geöffnet. Ganz vorsichtig. Und was glauben Sie. Vor dem Spiegel, da sah ich ihn. Den Einbrecher. Mit einer Pistole in der Hand. Mensch, ich sage Ihnen. Als er sie hob, hob ich meine auch. Und schoss. Notwehr. Oder was hätten Sie gemacht?“
Sein Kopf kippte nach unten und schnellte sofort wieder in die Höhe. „Dann bin ich sofort hierher zum Revier gerannt. Und dieser Herr da …“ Er zeigte mit dem Finger auf Hauptwachtmeister Winter. „Dieser Herr da wollte mich wieder nach Hause schicken. Begreifen Sie das? Mit einem Taxi! Und jetzt müssen wir zu meiner Wohnung gehen. Doch ich sagte schon; Notwehr. Ich kann mich doch nicht erschießen lassen.“
Der Kommissar fuhr sich mit seinen Fingern durch das schüttere Haar. „Ich komme gerade aus Ihrer Wohnung.“
Der Mann ruderte unkontrolliert mit seinen Händen durch die Luft. „Und? Stimmt doch alles?“
„Wie man´s nimmt. Die Tür stand offen. Doch eine Leiche mit einem Revolver in der Hand, fanden wir nicht. Nur einen zerschossenen Spiegel.“
Er erhob sich und wandte sich an Hauptwachtmeister Winter. „Bringen Sie ihn in eine Zelle, wo er seinen Rausch ausschlafen kann.“

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Manfred Schröder: Die Leiche


Die Leiche

© Manfred Schröder

„Sorry, Thomas dass ich dich mitten in der Nacht anrufe. Aber du musst mir helfen.“
„Na, was ist los?“
„Wie soll ich sagen?“
„Weiß nicht, wie du das sagen sollst.“
„In meiner Wohnung liegt ’ne Leiche.“
„Eine was?“
„Eine Leiche, und …“
„Wie kommt eine Leiche in deine Wohnung. Ist es ’ne Frau?“
„Natürlich nicht. Mach doch keine Frau zur Leiche.“
„Ne, machst höchstens schwanger.“
„Was sagst du? Hab nicht verstanden.“
„Ach, nix. Und die Leiche?“
„Ist der Ehemann von einer Frau.“
„Und den hast du … mit ’nem Revolver …?“
„Nein. Mit der Frau …“
„Mit der Frau …?“
„Ja, du weißt doch. Die aus Bronze, die Nackedei, welche auf der Kommode steht.“
„Du meinst aus Messing.“
„Gut, gut, aus Messing.“
„Hattet ihr Streit gehabt?“
„Na, ja, sicher. Hat wohl gesehen, wie sie aus dem Haus kam. War ja die ganze Zeit bei mir gewesen.“
„Und wollte dich zur Rede stellen?“
„Zuerst war er ja noch ganz vernünftig. Wollte wohl so die Sache unter Männern regeln. Und dass er sie liebt. Und all das. Kennst ja. Doch von ihr weiß ich ganz was anderes. Hat sie betrogen und geschlagen.“
„Und hat bei dir Schutz gesucht.“
„Ja, hat bei mir Schutz gesucht! Doch warum so sarkastisch?“
„Erzähl weiter.“
„Und als ich ihm das sagte, ja, dann wurde er richtig aggressiv und hatte plötzlich ein Messer in der Hand.“
„Dann war es ja Notwehr.“
„War leider nicht sein Messer.“
„Wie nicht sein Messer?“
„Bei dem Hin und Her befanden wir uns auf einmal in der Küche. Und da lag ein, ja so ein langes Brotmesser auf dem Tisch. Und das hat er genommen. Siehst du; wäre es sein eigenes gewesen, dann …“
„Wie kommt eigentlich die Bronzestatue aus dem Wohnzimmer in die Küche? Stand sie da?“
„Nein, doch als ich merkte, dass er aggressiv wurde, hab ich sie in die Hand genommen. So als Schutz. Hab natürlich nicht daran gedacht, sie zu gebrauchen.“
„Aber hast dann doch zugeschlagen.“
„Habe zugeschlagen, ja. Als er plötzlich das Messer nahm und auf mich losging. Was sollte ich machen?“
„Ja, was solltest du machen. Hast ein Koffer?“
„Warum Koffer? Du meinst Sachen packen und verschwinden.“
„Nein, nein. Die Leiche rein legen.“
„Ach so. Ja, hab einige. Doch sind alle klein.“
„Hast wenigstens ’ne Säge?“
„Säge?“
„Ach, vergiss.“
„Kannst du nicht kommen, um …?“
„Mit ’nem Koffer?“
„Nein. Doch, was mach ich jetzt?“
„Ich kann wirklich nicht. Was meinst du was Eva sagt, wenn ich mitten in der Nacht weggehe.“
„Sag, ein Geschäftsfreund hat angerufen.“
„Mensch, die denkt doch, ich geh zu ’ner anderen Frau. Besorg dir ’nen Sack. So wie in ‚Das Fenster zum Hof‘. Oder wie hieß der Film?“
„Moment, leg nicht auf, Thomas. Es hat geklingelt.“
*
„Ingrid! Warum kommst du zurück?“
„Wo ist Dieter? Ich habe ihn ins Haus gehen sehen.“
„Dieter? Weiß nicht.“
„Er ist nicht wieder herausgekommen!“
„Wohin gehst du? Ingrid! Komm her.“
„Nein! Du hast ihn ermordet. Warum? Mörder!“
„Beruhige dich doch. Was soll das? Er hat mich angegriffen. Es war Notwehr.“
„Notwehr. Es war keine Notwehr. Mein armer Dieter. Ich habe ihn so geliebt!“
„Was redest du da? Geliebt!? Du wolltest dich doch scheiden lassen. Wegen Misshandlung. Du hast es mir doch selbst gesagt.“
„Nichts hab ich gesagt! Mörder!“
„So bleib doch hier!“
„Mörder!“
*
„Thomas. Bist du noch dran?“
„Ja, was war das für eine Frauenstimme, die da so schrie?“
„Sie war zurückgekommen“
„Wer?“
„Ingrid. Die Frau von dem Mann, den ich erschlagen habe. Und behauptet auf einmal, ich hätte ihn kaltblütig umgebracht. Verstehst du das? Bist du noch dran? ‚Mörder!‘, schrie sie und ist dann wie von Sinnen weggerannt. Was mache ich jetzt?“
„Ist, oder besser: war ihr Mann eigentlich reich?“
„Reich? Warum fragst du? Ja. Besitzt, oder besaß eine Boutique und eine Villa. Aber was soll die Frage?“
„Und haben wohl keine Kinder?“
„Nein, sie haben keine Kinder! Doch was soll das alles? Was lachst du?“
„Ja, brauchst jetzt einen guten Rechtsanwalt. Einen wirklich guten. Die Frau, wie war ihr Name?“
„Ingrid.“
„Diese Ingrid hat euch beide gut eingeschätzt. Und war sich wohl ziemlich sicher, dass es so ausgehen würde. Ein Versuch, der sich gelohnt hat. Der ganze Besitz ihres Gatten wird jetzt ihr alleine gehören! Was ist?“
„Ich höre Stimmen. Männerstimmen. Die Polizei!“

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Manfred Schröder: Der Killer


Der Kiler

© Manfred Schröder

Rufus Lebemann war Killer. Ein gewissenhafter Killer. Korrekt und genau. Wie in seinem früheren Beruf als Steuerberater. Immer zum Wohle seiner Klienten. Einen besseren konnte man sich nicht wünschen. Er war ruhig und ausgeglichen. Nie hatte er eine Person, die auf seiner Liste stand, unnötig leiden lassen. Alles ging kurz und schmerzlos vor sich. Und oft entschuldigte er sich bei seinen Opfern und hatte Verständnis für ihre Angst, für ihr Bitten und Flehen. Doch Rufus Lebemann – oft lächelte er über seinen Namen – war gewissenhaft und korrekt. Er wollte nicht zur Schande seiner Zunft werden. Nie hatte er sich am Eigentum seiner Opfer vergriffen. Und worauf er besonders stolz war: Niemals hätte er einen Auftrag angenommen, wenn es sich um Kinder und Frauen handelte. Ein Monster war er nicht. Er hatte selbst Enkelkinder. Er war ein liebevoller Gatte und seine Frau behelligte er nie mit seinem Beruf.
Auch an diesem schönen frühlingshaften Tag hatte er einen Auftrag zu erledigen. Die Sonne am wolkenlosen Himmel wärmte alle Kreaturden. Die Vögel zwitscherten ihre Lust am Dasein aus ihren Kehlen. Alles stand in farbenfroher Blüte. Rufus Lebemann seufzte. Aber jede Arbeit hat ihre Schwierigkeiten, mit denen man fertig werden muss. Auch Steuerberater war kein Idealberuf gewesen.
Heute hieß er Siegfried Lenz und war Vertreter für Bauelemente. Er hatte sich für eine Perücke mit grauem und vollem Haar entschieden, das, links gescheitelt, seinen spärlichen Haarwuchs bedeckte. Der Kinnbart und das helle Brillengestell gaben ihm das Aussehen eines Akademikers.
Es war eine vornehme Gegend, in der Hans Wollschläger lebte. Die Villenpracht wurde aufgelockert durch Parks mit hohen Bäumen und gepflegten Wegen. Hier hatte der Neureiche sich eine protzige Villa bauen lassen. Mit kühlem Kopf und breiten Ellenbogen hatte Wollschläger sich nach oben gearbeitet. Vom kleinen Maurer zum Chef einer großen Baufirma. Er hatte Bewunderer und Feinde – und einer dieser Feinde hatte Rufus Lebemann den Auftrag gegeben, diesen Stolperstein zu beseitigen, der den Weg zum eigenen Erfolg versperrte.
Seinen Wagen hatte Rufus Lebemann einige hundert Meter vor Wollschlägers Haus geparkt. Ein kurzer Blick in den Spiegel, den er immer bei sich hatte, dann stieg er aus. Ruhigen Schrittes ging er auf sein Ziel zu und überdachte noch einmal sein Vorhaben. Hans Wollschläger würde heute alleine zu Hause sein. Seine Frau war in Kur, das Dienstmädchen hatte frei und seine Geliebte kam nie in sein Haus. Er hatte ihr eine Wohnung in der Stadt gemietet.
Die Uhr zeigte kurz vor Elf.
Rufus bemerkte die Kamera, die am Dach angebracht war und drückte auf den Knopf der Sprechanlage. Kurz darauf hörte er die Stimme Wollschlägers und er nannte seinen Namen. Das große Eisentor öffnete sich und Rufus Lebemann betrat einen mit hellem Kies belegten Weg. Die Haupttür öffnete sich und Wollschläger, ein bulliger Kerl mit kurzgeschnitten Haaren, kam ihm entgegen. Eine große Dogge wich nicht vor seiner Seite.
„Seien Sie willkommen in meiner kleinen Behausung, Herr Lenz“, sagte Wollschläger mit jovialer Stimme.
Rufus Lebemann kannte solche Männer. Protzig bis zur Lächerlichkeit.
Wollschläger zeigte auf den Hund. „Caesar ist nur gefährlich, wenn ich es will. Sonst sind meine Freunde auch seine. Doch treten Sie ein!“
Ein überdimensionierter Ventilator an der Decke der großen Vorhalle spendete Kühle. Abstrakte Bilder an den Wänden sollten Verbundenheit zur Moderne demonstrieren.
Wollschläger öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer. „Kommen Sie. Hier ist meine kleine Schaltzentrale.“ Er lachte abgehackt und unangenehm. Dicke, mit Ringen geschmückte Finger zeigten auf einen riesigen Schreibtisch. „Setzen Sie sich. Darf ich Ihnen etwas zum Trinken anbieten? Einen Whisky oder Cognac?“
Rufus Lebemann lächelte scheu. „Vielen Dank. Doch lieber nicht. Sie wissen, Alkohol am Steuer. Und meine Zeit ist bemessen.“
Wollschläger lachte. „Jaja, die Zeit. Ich kenne das. Wer hat sie schon? Immer am Ball bleiben.“ Auch er setzte sich. „Na, dann zeigen Sie mal Ihre Angebote!“
Rufus Lebemann blickte kurz auf den Hund, der unbewet an Wollschlägers Seite saß, und öffnete den kleinen Koffer. In der Hand hielt er den Revolver, auf dessen Lauf schon der Schalldämpfer gesteckt war.
Das Gesicht seines Gegenübers ging von erstem Erschrecken zur Ungläubigkeit über. Dann lachte er. „Soll das ein Witz sein?“
„Ich würde Sie bitten, nichts Unüberlegtes zu tun. Und bitten Sie auch Ihren Caesar, sich ruhig zu verhalten.“
„Was wollen Sie? Und wer sind Sie?“
Rufus Lebemann lächelte. „Wer ich bin, tut nichts zur Sache. Und was ich will? Ihr Leben!“ Er machte eine kleine Pause. „Nein, eigentlich nicht ich, sondern derjenige, in dessen Auftrage ich gekommen bin. Machen Sie bitte keine Dummheiten. Ich habe auch Caesar im Auge. Seien Sie ein vernünftiger Mensch.“
In Wollschlägers Gesicht war zu lesen, wie es in seinem Gehirn arbeitete. „Hören Sie“, sagte er schließlich, „wir könnten ins Geschäft kommen. Was hat Ihnen der Auftraggeber dafür geboten, dass Sie mich töten? Ich könnte …“
„Ich möchte hier nicht über Geld sprechen. Das tue ich überhaupt nur ungern.“
Wollschläger Atmen war zu einem Keuchen geworden. „Ich meine, ich könnte Ihnen mehr bieten, wenn sie mich am Leben lassen und stattdessen den Auftraggeber erschießen. Das ist doch ein Angebot. Dann hätten Sie womöglich das Doppelte verdient und ich hätte einen Konkurrenten weniger. Geschäft ist Geschäft. Dort im Safe sind rund siebzigtausend Euro. Sie gehören Ihnen. Und ich kann mir auch schon denken, wer mich aus dem Weg haben will. Jakob Mayer. Ich bin sicher. Was sagen Sie zu meinem Vorschlag?“
Rufus Lehmann nickte. „Ein Zubrot ist nicht zu verachten.“
Wollschläger erhob sich und ging zum Safe. „Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich werde nichts Unüberlegtes tun.“ Und zu Caesar gewandt: „Caesar, bleib sitzen!“
Er öffnete den Safe, nahm das Geld heraus und legte die Bündel auf den Schreibtisch. „Hier, Sie können es nachzählen.“
Rufus Lebemann schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich glaube Ihnen. In solchen Situationen lügt man nicht. Und bitte setzen Sie sich wieder.“
Wollschlägers Gesicht war schweißbedeckt.
Rufus Lebemann lächelte, doch seine Augen blickten traurig. So war nun mal sein Beruf. Er hob den Revolver.
Sein Gegenüber schien nicht zu begreifen. „Wir hatten doch …“
Rufus Lebemann schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wir hatten – Sie hatten. Wenn ich Sie nun am Leben ließe, wie könnten Sie Vertrauen haben, dass ich Ihren Auftrag ausführe? Es war übrigens tatsächlich Jakob Mayer. Keine Angst, Sie haben nicht umsonst bezahlt.“
Wollschläger wollte aufspringen, doch mit einem Loch in der Stirn hauchte er sein Leben aus. Caesar blieb still sitzen.
Rufus Lebemann steckte das Geld in seinen Koffer und verließ ruhigen Schrittes das Haus. Die frische Luft tat ihm gut.

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Manfred Schröder: Vom Regen in die Traufe?


Vom Regen in die Traufe?

© Manfred Schröder

Bernd hörte das Geräusch eines Wagens. Er löschte die Taschenlampe, schob die Jalousie ein wenig zur Seite und sah das Auto auf dem Hof. Sollte das Brenner sein, oder ein „Arbeitskollege“, der sich des Nachts in fremden Revieren herumtrieb? Nein, es musste Brenner sein. Brenner, der skrupellose Bauunternehmer. Die große und massige Gestalt, die sich aus dem Auto zwängte, passte auf ihn. Kein Zweifel. Doch was wollte er hier um diese Uhrzeit? Vielleicht hatte er etwas vergessen. Bernd sah, wie Brenner prüfend das Haus betrachtete und wie sein Blick am Bürofenster hängen blieb. Konnte er etwas bemerkt haben?
Nur die Ruhe bewahren, dachte Bernd. War ja nicht das erste Mal, dass ihm so was passierte. Und stets war alles gut gegangen. Warum nicht auch jetzt?
Brenner stand noch immer unten und schien zu überlegen. Schließlich kam er doch aufs Haus zu. Bernd seufzte. Er wird wohl in sein Büro kommen. Sicher.
Bernd ergriff die Bronzestatue auf dem Schreibtisch. Eine nackte schlanke Frau. Er prüfte ihr Gewicht. Hatte die richtige Schwere. Er musste sie wohl zweckentfremden. Kunst ist vielseitig.
Dann stellte er sich neben die Türe. Sie war unverschlossen, da er sie mit einem Dietrich geöffnet hatte. Brenner würde wohl einen Moment stutzen. Doch ein schneller Schlag mit der nackten Dame und … Bernd seufzte. Was blieb ihm anderes übrig?
Es dauerte nicht lange, bis er schwere Schritte im Flur vernahm. Vor der Türe blieben sie stehen. Er hörte das Geräusch eines Schlüsselbundes und ein erstauntes „Na!“.
Dann öffnete sich die Tür und Brenners bullige Gestalt betrat den Raum. Seine Hand ging zum Lichtschalter. In diesem Augenblick ließ Bernd die nackte Schöne auf den fleischigen Kopf niedersausen. Für einen Moment hielt Brenner sich noch aufrecht. Dann stürzte er, ein wenig nach vorne gebeugt zu Boden.
Bernd blieb noch eine Weile regungslos stehen und blickte auf die Gestalt vor sich.
Mit einem Seufzer ging er zum Wandtresor zurück. Es dauerte nicht so lange wie befürchtet. Als er in den Tresor blickte, traute er seinen Augen nicht. Was war das? – Leere gähnte ihm entgegen. Das durfte doch nicht wahr sein! Sollte doch ein hundertprozentiger Tipp gewesen sein. Mit einigen zigtausend Euro. Am Fiskus vorbei. Deshalb im Tresor.
Im unteren Fach, ganz hinten in der Ecke, bemerkte er eine Pistole. „Mist!“, ging es durch seinen Kopf. Sollte das Ganze ein Witz gewesen sein, ein gutgemeinter Ratschlag, sich selbst zu erschießen. Er blickte auf Brenner, der noch immer am Boden lag. – Bloß weg von hier!
Ein kurzes Zögern, dann ergriff er die Pistole und steckte sie in seine Tasche. Noch einmal leuchtete er alles ab um sicher zu gehen, dass er keine Spuren hinterlassen hatte.
*
In den Abendnachrichten im Fernsehen hörte Bernd, dass bei einem Einbruch in einem Bürogebäude eine Leiche gefunden wurde. Erschlagen. Er dachte an die Pistole, die er mitgenommen hatte. – Dummheit! Morgen würde er sie in den Fluss werfen.
Schon in der Frühe um vier Uhr erhob er sich, steckte die Pistole in seine Tasche und begab sich nach draußen. Es war kühl, doch nicht kalt. Als er an der Brücke angelangt war, bemerkte er, dass ein Streifenwagen langsam neben ihn herfuhr. Sein Herz klopfte. Jetzt nur keine Panik. Erleichtert sah er, wie das Auto wieder schneller fuhr. Doch auf der Höhe der Brücke blieb es stehen. Er konnte jetzt nicht einfach zurückgehen. Kurz bevor er den Streifenwagen erreichte, stieg ein Polizist aus dem Wagen.
„Weitergehen!“, hämmerte es in Bernds Kopf.
Der Polizist kam auf ihn zu. Er lächelte. „Na, so früh schon unterwegs.“ Seine Stimme klang freundlich.
Bernd nickte und schaffte es zurückzulächeln. „Kleiner Spaziergang am frühen Morgen tut immer gut.“
Der Polizist, ein schon älterer Jahrgang, blickte ihn aufmerksam an. Er schien zu überlegen. „Frische Morgenluft tut immer gut. Doch zeigen Sie mir mal Ihre Papiere.“
„Verdammt!“, er hatte keine bei sich. Sie waren in seiner anderen Jacke. Er war sicher, dass der Polizist seine Nervosität bemerkt hatte. Er versuchte, ganz normal zu erscheinen und lachte kurz auf. „Meine Papiere? Sind zu Hause. Wer denkt schon immer daran, sie jedes Mal mitzunehmen?“
Hätte jetzt Weglaufen einen Sinn? Nein, wohl nicht.
Ein zweiter Polizist war aus dem Auto gestiegen und kam auf sie zu.
„Jaja. Wer denkt schon immer daran. Na, dann legen Sie mal Ihre Hände auf das Brückengeländer und die Beine schön auseinander. Sie kennen das doch bestimmt, oder?“
Was blieb ihm anderes übrig.
„Schau, schau, was wir da haben“, sagte der ältere Polizist und hob die Pistole in die Höhe. „Na, dann kommen Sie mal mit.“
*
Bernd saß in einer Zelle und wartete auf den Hauptkommissar.
Gegen Abend kam er endlich. „Ja“, sagte er. „Sieht nicht gut aus. Warum muss immer gleich drauflosgeballert werden?“ Er zeigte auf die Pistole, die auf dem Schreibtisch lag.
Bernd begriff nicht. Was hatte er mit der Pistole zu schaffen, die er doch bloß mitgenommen hatte? Er war davon ausgegangen, dass man ihn wegen dem Einbruch bei Brenner vernehmen würde. „Ich verstehe nicht, Herr Kommissar. Die Pistole da habe ich vor Kurzem angeschafft. Hat mir irgendjemand verkauft. Hab seinen Namen vergessen. Ist natürlich unklug, solche Dinger zu besitzen. Ich weiß. Doch …“
Der Kommissar nickte. „Ja, es ist unklug. Denn mit dieser Pistole wurde vor zwei Wochen ein Mann erschossen. Und nur Ihre Fingerabdrücke sind darauf zu sehen. Wo waren Sie in der Nacht vom 13. zum 14.?“
Bernd dachte angestrengt nach. Er wusste es nicht. Er konnte kein Alibi herbeizaubern. Er fühlte Schweiß auf seiner Stirn.
„Herr Kommissar, ich habe mit dem Mord nichts zu schaffen, glauben Sie mir. Ich …“ Er verstummte.
Der Kommissar schaute ihn fragend an. „Ja?“
Bernd überlegte. Sollte er alles erklären? Aber dann wäre er auf jeden Fall geliefert.
„Ach nichts“, sagte er. „Und ohne meinen Anwalt sage ich nichts mehr.“
Der Kommissar nickte. „Geht in Ordnung.“
*
Vier Monate sind seitdem vergangen. Morgen findet die Hauptverhandlung statt. Die Anklage lautet: Mord an einen Kneipenwirt. Ein Mord, den Bernd nicht begangen hat.
Vielleicht stehen die Chancen gar nicht so schlecht. Zumindest glaubt dies sein Rechtsanwalt. Die Tat muss doch erst noch bewiesen werden.

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Manfred Schröder: Die verräterischen Spuren


Die verräterischen Spuren

© Manfred Schröder

„Ein Jogger fand die Frau, als er seinen morgendlichen Parklauf absolvierte“, sagte der Polizeibeamte zum Hauptkommissar Virtanen, der sich gerade eine neue Zigarette anzündete.
Virtanen nickte. „Ist er das?“ Er zeigte auf einen Mann, der in einem Trainingsanzug neben einem Polizeiwagen stand. Man sah ihm an, dass er schnell wieder nach Hause wollte.
„Ja“, gab der noch junge Beamte, der jetzt auch gerne eine Zigarette geraucht hätte, zur Antwort.
Hauptkommissar Virtanen warf einen kurzen Blick zu den Männern der Spurensicherung und zum Polizeiarzt, der gerade dazugekommen war, und wandte sich dann an seinen Assistenten Pentti Aho: „Fahren Sie schon ins Präsidium und überprüfen Sie die Papiere der Frau. Ja, Nina Hartonen. Vielleicht ein Freudenmädchen. Ich gehe zu unserem Jogger, dem es wohl auch schon zu lange wird.“
Sein Schädel brummte immer noch, trotz des Aspirins. Er hatte bis spät nach Mitternacht den Geburtstag seines Bruders gefeiert und wie er nach Haus gekommen war, wusste er nicht. Als ihn in aller Frühe das Telefon wachklingelte, lag er angekleidet auf seinem Bett.
Der morgendliche Parkläufer war schon ein älterer Herr, mit schütterem blondem Haar und einem Bauchansatz, den er wohl herunterlaufen wollte. Er blickte erwartungsvoll auf den Kommissar.
„Guten Morgen. Ich bin Hauptkommissar Virtanen. Sie haben also die Frau gefunden?“ Er zog einen kleinen Notizblock aus seiner Manteltasche. „Falls Sie etwas bemerkt haben … Und wie ist Ihr Name?“
„Erkki Johansson. Ja, als ich an dem Gebüsch vorbeilief, sah ich zwei Füße hervorragen. Ich dachte zuerst, da läge ein Betrunkener und wollte schon weiterlaufen. Sie wissen ja, hier im Sibeliuspark schläft so mancher seinen Rausch aus.“
„Gesprächig scheint er ja zu sein“, dachte der Hauptkommissar.
„Und dann haben Sie trotzdem nachgeschaut.“
Sein Gegenüber fühlte sich unbehaglich. „Ja. Irgendwie hatte ich so ein Gefühl, dass …“
Virtanen nickte. „Verstehe. Und sonst ist Ihnen nichts aufgefallen? Irgendetwas gesehen? Und die Leiche haben Sie nicht angefasst?“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht!“
Virtanen zog eine Karte aus seiner Brieftasche. „Hier ist die Adresse des Präsidiums. Kommen Sie morgen früh um neun Uhr dorthin. Dann werden wir noch ein richtiges Protokoll aufnehmen. Reine Formalität.“ Er lächelte. „Na, Sie können gehen.“
Der Andere war sichtlich erleichtert. „Ja, bis morgen.“
Virtanen nickte und ging zum Polizeiarzt, der neben der Leiche stand und sich Notizen machte.
„Nun, Doktor. Können Sie schon was Bestimmtes sagen?“
Der Polizeiarzt, Pentti Salonen, ein kleines rundes lebhaftes Männchen, dessen rote Nase auf einen Weinliebhaber schliessen ließ, zuckte die Schultern. „Kein Sexualdelikt. Vielleicht ein versuchtes. Doch ihre Kleider sind nicht zerrissen. Oder ein Überfall aus noch nicht ersichtlichen Gründen. Sehen Sie, die Wunde am Kopf? Sie hat zum Tod geführt. Mit aller Gewalt wurde der Kopf gegen diesen Baum geschlagen. Ausgerutscht kann die Frau nicht sein. Dann hätte sie höchstens eine Gehirnerschütterung erlitten. Aber hier liegt ein Schädelbruch vor.“
Virtanen blickte in das Gesicht der Frau. Den Papieren nach war sie knapp über dreißig. „Und wie lange ist sie schon tot?“
Der Polizeiarzt zuckte die Schultern. „Im Moment kann ich noch nichts Genaues sagen. Schätze drei Stunden. Oder auch vier.“
Virtanen blickte auf seine Uhr. Es war jetzt kurz vor halb acht. „Also so zwischen drei und vier Uhr.“
Er wandte sich an den Leiter der Spurensicherung. „Und was habt ihr?“
Der Leiter der Gruppe, Harry Holmén hob bedauernd seine Hände. „Nicht viel. Aber immerhin Abdrücke von Schuhen, hier gleich am Baum.“
Virtanen nickte. „Na, ist wenigstens etwas. Um vier Uhr ist Lagebesprechung.“
Auf dem Weg zum Präsidium hielt er noch an einer Apotheke an und kaufte eine Schachtel Aspirin.
Die Nachtmittagsbesprechung brachte nicht viel. Außer dass Nina Hartonen in der Tat ein Freudenmädchen gewesen war. In ihrer Handtasche fand man ein Notizbuch mit Adressen verschiedener Männer. Und dann hatte man noch Fotos von den Abdrücken der Schuhe.
„Na, dann an die Arbeit, Jungs. Mal sehen, wer von den Herren am ehesten nervös wird“, munterte Virtanen die anderen auf.
„Bleiben Sie noch hier?“, fragte Aho, als die anderen schon gegangen waren.
Virtanen nickte. „Ich muss über etwas nachdenken.“
Als Aho den Raum verlassen hatte, inspizierte er noch mal die Fotos der Schuhabdrücke. Es schienen italienische Schuhe zu sein. Morgen würde man mehr wissen. Er trat ans Fenster und blickte auf den Hof. Eine Zeitlang stand er so da. Plötzlich durchzuckte es ihn. Er ging zum Tisch, setzte sich und zog seinen rechten Schuh aus. Auch er trug italienische. Angespannt verglich er die Sohle mit den Fotos. Das Muster stimmte überein. Und Spuren von brauner Erde waren in den Rillen zu sehen. Dieselbe braune Erde wie im Park.
Er atmete schwer, in seinem Kopf hämmerte es. „Wo war ich in der Nacht, als ich meinen Bruder verließ?“ Für den Bruchteil einer Sekunde stand ein vages Bild vor seinem geistigen Auge. „An irgendetwas muss ich mich doch erinnern!“ So sehr er sich anstrengte, die Stunden waren aus seinem Gedächtnis verschwunden. Doch es gab diese Fotos.
Gegen Abend kam Aho nochmals ins Büro zurück. „Na“, sagte er erstaunt, „Sie sind immer noch hier.“
Virtanen erhob sich schwer. „Fühle mich nicht wohl. Werde jetzt nach Hause gehen. Und was habt ihr herausgefunden?“
Aho strahlte. „Habe einige“, er hob das Notizbuch des Freudenmädchens triumphierend in die Höhe, „für morgen aufs Präsidium bestellt. Fühlen sich bestimmt alle nicht wohl in ihrer Haut. Hab ein gutes Gefühl.“
Virtanen klopfte Aho auf die Schultern. „Gut! Ich werde nach Hause gehen. Hab immer noch diese verdammten Kopfschmerzen.“

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Manfred Schröder: Zwei freundliche ältere Herren


Zwei freundliche ältere Herren

© Manfred Schröder

Man kommt nichts ins Gefängnis, weil man gegen das Gesetz verstoßen hat. Sondern weil man sich hat erwischen lassen.

Der Kiosk lag abseits der Hauptstraße, nur eine Spuckweite von der Sparkasse entfernt. Eigentlich wollte man ihn abreißen, doch dann waren zwei neue Pächter gekommen und die Kids der Umgebung konnten weiterhin Süßigkeiten und billige Bildchen von Fußballstars kaufen. An den zwei kleinen Tischen, die vor dem Kiosk standen, saßen meist ältere Männer und philosophierten über Fußball.
Die Pächter waren freundliche und schon betagte Herren, die abwechselnd die Kundschaft bedienten. Des Öfteren war auch ein junger und kräftiger Mann zu sehen, der dort irgendeine nicht genau bestimmbare Tätigkeit verrichtete.
Der Kiosk war nicht sehr groß, doch es gab einen Hinterraum, der als Vorratskammer diente und in dem auch ein eisernes Bett stand.
Montags war der Kiosk geschlossen. Einem aufmerksamen Beobachter wäre vielleicht aufgefallen, dass sich auch an diesem Tage die Männer dort aufhielten. Und er hätte wohl auch bemerkt, dass jeweils einer der beiden älteren Herren mit dem jungen Manne dort über Nacht blieb und dass man morgens große, vollgefüllte Säcke aus dem Kiosk in einen VW-Bus verfrachtete. Doch warum sollte jemand daran Interesse haben? Dazu gab es keinen vernünftigen Grund.
Die beiden freundlichen Herren hatten den Kiosk im Frühling übernommen. Sommer, Herbst und Winter waren ins Land gezogen und der nächste Frühling lag schon in den Bäumen. Alles war, wie es immer war.
Doch in einer schwülen Märznacht, es war ein Samstag, glaubten einige Anwohner einen dumpfen Knall gehört zu haben. Sie maßen dem aber keine große Bedeutung bei und wandten sich wieder ihrer nächtlichen Tätigkeit zu. Schlafen oder was man sonst noch in der Nacht tut.
Als am Montagmorgen der Sparkassenleiter in das Untergeschoss der Bank hinabstieg, sah er die Bescherung: Ein fachmännisch gesprengter Tresor und aufgebrochene Schließfächer. Die Herren Einbrecher hatten nur das mitgenommen, was sie für wichtig hielten. Nämlich Bargeld. Wertpapiere und Sonstiges, was sich schlecht oder nur mit großem Risiko zu Geld machen ließe, hatten sie liegengelassen.
Als die Polizei eintraf, endeckte sie schnell das Loch in der Wand, das einen Blick in einen gegrabenen Tunnel freigab.
Hauptkommissar Wehner ließ es sich nicht nehmen, als Erster den Stollen zu betreten, besser: hindurchzukriechen. Die Strecke schien eine endlos zu sein, bis er endlich an eine Leiter stieß, die in einem Schacht nach oben führte. Hinter sich hörte er das Fluchen seines Assistenten, der sich wohl den Kopf gegen die Decke gestoßen hatte. Mit einiger Mühe, sein üppiger Bauch wollte nicht recht mitmachen, konnte er auf den Sprossen der Leiter Fuß fassen. Kurz darauf ragte sein Kopf in einen Raum, in dem ein einfaches Eisenbett zu sehen war nebst Kisten mit Bier, Limonade und Sonstigem, was in einem Kiosk so alles verkauft wird.
Er stieg höher, betrat den Raum und nickte anerkennend. „Gute Arbeit!“
Hinter ihm kam der Kopf seines Assistenten zum Vorschein. Dann gewahrte Kommissar Wehner das Schild an der Wand: „Kiosk bis auf Weiteres geschlossen!“
Er blickte zu seinem Assistenten und sagte: „Humor hatten die beiden Herren. Und Ahnung von Fußball. Ich habe nämlich oft mit ihnen darüber gesprochen.“
Mit einem tiefen Seufzer fügt er hinzu: „Na dann: Ran an die Arbeit!“

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Manfred Schröder: Die widrigen Umstände


Die widrigen Umstände

© Manfred Schröder

Ein guter Mensch, wer wär’s nicht gern.
Doch die Gene; sie sind nun mal halt nicht so.

Oft liest man vom geborenen Killer. Das ist Unsinn. Niemand wird als Mörder geboren. Natürlich gibt es immer mal Leichen mit einem Messer im Bauch, einer Kugel im Kopf oder mit vergifteten Wein im Magen. Und wer ist daran schuld? Ja, das mögen Richter und Psychiater entscheiden, die nach den Ursachen suchen, dabei allerdings oft die häufigsten übersehen. Nämlich die Umstände. Die widrigen Umstände die, man möchte bald meinen, einem einfach nur zur ungelegenen Zeit in die Quere kommen. Ich will damit nicht sagen, dass jemand, der einem anderen ins, falls es das gibt, Jenseits befördert, nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, nur weil es gewisse Umstände gab. Nein, nein. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Auch diese schützen vor Strafe nicht. Doch eins gibt das andere und plötzlich befindet man da, wohin man nicht wollte
Vor Kurzem gab es solch einen Fall. Ein Einbrecher mit langer Berufserfahrung und guten Referenzen war wieder einmal seiner nächtlichen Tätigkeit nachgegangen, als er von einem Nachtwächter überrascht wurde. Und er erschoss den armen, alten Mann, dessen Aufgabe nur darin bestand, seine Runden zu drehen und zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Hier möchte ich schnell allen Nachtwächtern einen guten Rat geben: Wenn ihr euch still verhaltet, dann lebt ihr auch länger. Warum erschoss er ihn? Klar, weil er eine Waffe bei sich trug. Hätte er sie nicht bei sich gehabt (übrigens ein schlechtes Zeugnis für einen Einbrecher, solche Dinger mit sich herumzuschleppen), dann hätte er ihn vielleicht nur erschlagen. Dies wäre natürlich auch sehr schlimm gewesen. Doch er hätte mit einer milderen Strafe rechnen können. Und warum er eigentlich eine Waffe bei seiner nächtlichen Tätigkeit mit sich herumtrug, fragten ihn die Beamten, die ihn gut kannten und seine Fähigkeiten ohne Weiters zu würdigen wussten. Denn von einem Einbrecher mit seinen Qualitäten konnte man mehr verlangen, als wild um sich zu ballern. Bei der Vernehmung gestand er, dass die Waffe aus einem früheren Einbruch stammte und er sie nur aus Gedankenlosigkeit mit sich herumgetragen hatte. Und es war auch gar nicht seine Absicht gewesen, damit zu schießen. Nein, nein. Wo denkt die Polizei bloß hin! Er hatte sich plötzlich in der Hand gehabt und sein Finger hatte sich einfach gekrümmt. Überraschung, Angst und zu schnelle Reflexe hätten zu diesem tragischen Unfall geführt. Und alter Mann – wie sollte er das wissen? In der Nacht sind nicht nur alle Katzen grau. Es tue ihm natürlich schrecklich leid, was da passiert sei. Und er bedaure alles zutiefst. Wir wollen es ihm glauben.
Doch eine erneute Gelegenheit, seine wirklichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, wird er wohl nicht mehr bekommen. Ja, wegen der widrigen Umstände.

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Manfred Schröder: Der arme Heinrich


Der arme Heinrich

© Manfred Schröder

Professor Dr. Heinrich Waldrausch, ein angesehener Gelehrter der Toxikologie, hatte beschlossen seine Frau umzubringen. Nicht aus Vergnügen. Nein, er war kein Monster, kein Ungeheuer. Er hatte lange nachgedacht, alles abgewogen und den Mord, wenn auch nicht für gut, so doch für notwendig befunden. Natürlich ging es, wie sollte es auch anders sein, um eine andere Frau. Jünger und schöner als seine eigene. Er hatte sie, Veronica, in einer Ausstellung über moderne Kunst kennengelernt und sich trotz Verstand und Wissenschaft mit dem, was vielen Männern das Wichtigste zu sein scheint, in sie verliebt.
Gewiss, eine Scheidung wäre die beste Lösung gewesen. Doch es ging ja nicht nur um Veronica, sondern auch ums Geld. Er würde leer ausgehen. Nicht dass er am Hungertuche nagen müsste. Als Professor verdiente er nicht schlecht. Doch sein Verdienst stand in keinem Verhältnis zu dem Vermögen, das Margarethe, so hieß seine Frau, von ihrem Vater geerbt hatte. Nur wenn er sie überlebte wäre er der alleinige Erbe, da sie keine Kinder hatten. Doch warten, bis sie eines natürlichen Todes starb, du lieber Himmel! Obschon sie auf die sechzig zuging, war sie noch rüstig wie eine … er musste an Bergziegen denken. So blieb ihm keine andere Wahl, als sie … wir wissen es.
Vieles hatte er sich durch den Kopf gehen lassen. Zum Beispiel mit ihr in einem Boot weit auf den See hinauszurudern uns sie dann mit einem Stoß … Doch in seinen Albträumen war er es, der ins Wasser fiel, und sie, die ihn herausfischte. Er konnte nicht schwimmen, während sie eine hervorragende Schwimmerin war.
Oder mit ihr einen hohen Berg besteigen und sie dann von oben hinab… Allein der Gedanke, so hoch oben zu stehen, ließ ihn schwindelig werden. Nein, alles was durch seinen Kopf gegangen war, hatte sich als undurchführbar herausgestellt.
Er hatte schon daran gedacht, sich seinem Schicksal zu ergeben und alle Pläne aufzugeben, da fiel ihm – ob er dem Himmel oder der Hölle danken sollte, wir wissen es nicht – ein Fläschlein mit einem bemerkenswerten Inhalt in die Hände. Bei einem toxikologischen Kongress, der irgendwo fernab in Ostasien stattfand, hatte er Bekanntschaft mit einem einheimischen Arzt gemacht, der ihm von einem Gift erzählte, das er bei einem primitiven Volk entdeckt hatte. Ein Gift, das keine Rückstände zurückließ und völlig geruch- und farblos war. Und da der Herr Professor sich interessiert zeigte und wie nebenbei einfliessen ließ, dass er dieses Gift für seine wissenschaftlichen Untersuchungen gebrauchen könne, machte ihm jener Arzt ein Fläschlein mit der bemerkentswerten Flüssigkeit zum Geschenk.
Sicher, zeitweise waren Gewissensbisse aufgetreten und hatten sein inneres Gleichgewicht gestört. Moralische Bedenken, die sich seiner zu bemächtigen versuchten. Und einmal war er sogar nahe daran, von seinem Vorhaben abzulassen. Denn: Ein guter Mensch – wer wär’s nicht gern? Doch da waren nun mal die widrigen Umstände. So raffte er sich stets wieder und blieb standhaft. Es musste getan werden. Der Gedanke, seine Frau in eine bessere Welt zu befördern, würde ihn nicht mehr loslassen. Und er womöglich, überhastet, einen Fehler machen könnte. Denn jetzt hatte er ein Mittel, um seine, ja es waren böse Gedanken, in die Tat umzusetzen. Mit einem Wässerchen, so klar und unschuldig, als könne es kein Härchen trüben. Kann man es ihm verübeln, dass sein Herz jubelte? Denn er würde mit diesem Wässerchen das perfekte Verbrechen begehen. Ein simples Herzversagen, oder eine sonstige, natürliche Ursache. Nun musste die Tat nur noch vorbereitet werden.
Fünf Tropfen reichen um eine Ochsen zu töten, hatte ihm sein asiatischer Arztkollege versichert. Das Einfachste würde sein, ihr das Gift in den Fruchtsaft zu tröpfeln, den sie jeden Morgen trank. Doch dann hatte er eine andere Idee. Ob sie jedoch aus der Sicht des Verbrechens auch die bessere war, sei dahingestellt. Denn er glaubte Stil zu besitzen. Anstatt auf die Schnelle beim Frühstück, könnte es am Abend bei einem Gläschen Wein über die Bühne gehen. Bei dem Gedanken Bühne, lächelte der Herr Professor. Das Leben ist nun mal ein Theater, bei dem Shakespeare Pate steht.
Als er ihr nach dem Essen über den Rand seiner medizinischen Fachzeitschrift hinweg den Vorschlag unterbreitete, es sich am Samstagabend bei einer Flasche Wein gemütlich zu machen, nickte sie dankbar.
„Das Leben ist ja so kurz“, sagte er mit warmer Stimme.
Sie freute sich aufrichtig, dass er Zeit für sie hatte. Denn er hatte es ja auch nicht einfach. Wie oft kam er des Abends müde nach Hause, weil er noch im Institut gearbeitet hatte. Nicht selten musste er sogar über Nacht dort bleiben, weil es allzu spät geworden war. Und hatte ihr am nächsten Tage Blumen als Aufmerksamkeit und Entschuldigung mitgebracht.
Am Samstagabend, sie hatten früher gespeist als sonst, begaben sie sich in die Bibliothek, wo die hohen Regale mit den verstaubten Büchern standen. Dem Dienstmädchen hatten sie frei gegeben.
„Ach“, sagte Margarethe, „wie ich sehe, hast du den Wein schon aus dem Keller geholt.“ Sie nahm die Flasche in die Hand und blickte auf das Etikett. „Meine Lieblingsmarke. Wie aufmerksam von dir.“
Er lächelte. „Wie könnte ich das vergessen.“
Margarethe ging zur Vitrine und nahm zwei Gläser heraus. „Dann lasst es uns gemütlich machen.“
Sie ließ sich in einen der rot-violetten Sessel fallen, die um einen kleinen runden Tisch gruppiert standen. Lächend schaute sie zu, wie er die Flasche öffnete. Dann schenkte er ein und machte es auch sich bequem. Er hob das Glas und stelle es dann wieder auf den Tisch. Umständlich begann er in seinen Taschen zu kramen.
„Vermisst du etwas?“, fragte Margarethe.
Er zuckte ärgerlich mit seinen Schultern. „Ach, wie dumm von mir. Ich habe meine Zigaretten im Arbeitszimmer vergessen.“
Er wollte sich erheben, doch Margarethe war schon aufgestanden. „Bleib sitzen. Ich werde sie dir holen.“
„Aber Margarethe“, protestierte er. „Ich kann doch …“
Sie war schon an der Tür.
Der Herr Professor lächelte. Wie stolz war er auf seine Menschenkenntnisse. Er wartete noch einen Augenblick und holte dann aus der Innentasche seiner Jacke ein kleines Fläschlein hervor. Mit zitternden Händen schraubte er den Verschluss auf. Auch er war nur ein Mensch. Fünf Tropfen, hell und klar, fielen in ihr Glas. Schnell verschloss er das Fläschlein wieder und steckte es in seine Jacke zurück.
Er hörte die Schritte von Margarethe und versuchte seine Nerven unter Kontrolle zu halten.
„Das war aber lieb von dir. Du hättest dich wirklich nicht bemühen brauchen. Ich hätte …“
Sie blickte ihn freundlich an. „Ich mache es doch gerne.“
Sie reichte ihm die Zigaretten, setzte sich und hob beide Arme in die Höhe. „Ach, wie schön das Leben doch ist. Weißt du, ich möchte gerne Musik hören. Erinnerst du dich noch an die Schallplatte, die du mir aus Italien mitgebracht hast. Würdest du sie bitte auflegen?“
„Natürlich, Liebling.“
Er erhob sich und ging zum Musikschrank, über dem das Bild ihres Vaters hing, der mit strengem Blick auf ihn herabschaute. Dem Herrn Professor fröstelte.
Margarethes Blick fiel auf sein Weinglas. War da nicht ein dunkler Fleck am Rand zu sehen? Etwas Bräunliches hatte sich da festgesetzt. Fürsorglich wie sie war, wechselte sie die beiden Gläser.
Dann erklang Mandolinenmusik. Wie er dieses Geklimper hasste!
Margarethe hob das Glas. „Auf ein langes und gesundes Leben!“
Er griff zum Glas und sie stießen an. Während sie trank, beobachtete er sie aus lauernden Augen. Sie schien den Wein zu genießen.
„Wirklich ein guter Wein“, bemerkte sie.
Plötzlich griff der Herr Professor sich an den Hals und begann zu röcheln. Sein Herz krampfte sich zusammen und er fühlte das Blut in seinen Adern gerinnen. Er blickte ein letztes Mal auf Margarethe; dann brachen seine Augen. Sein Körper fiel dumpf auf den Boden.
Entsetzt sprang Margarethe auf. Sie beugte sich über ihn. Kein Herzschlag war zu fühlen. Sie rannt zum Telefon und schrie nach einem Krankenwagen.
Als der Arzt kam, konnte er nur noch den Tod feststellen. „Wohl Herzversagen“, bemerkte er.
Margarethe stand da und Tränen liefen ihr übers Gesicht.
„Armer Heinrich“, sagte sie. „Armer, armer Heinrich.“

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Manfred Schröder: Tim


Tim

© Manfred Schröder

Tim gehörte zu jenen Menschen, die sich nie ganz sicher waren. Fragte man ihn um Auskunft, befielen ihn Zweifel, ob er auch die richtige Antwort gegeben hatte. Verließ er die Wohnung, so wusste er des Öfteren nicht mehr, ob er den Ofen abgestellt hatte oder das Licht noch brannte. Rannte er dann nach oben, keuchend und außer Atem, stellte er fest, dass alles in Ordnung war. Er wäre bestimmt ein gefundenes Fressen für einen Seelendoktor, der gerne Ausschau nach einem Opfer und nach Geld hält. Doch die Neurose ist meist nur ein kleiner Tick und nicht selten liebenswert.
Wie schon gesagt, Tim gehörte zu jenen Menschen, die sich selbst nicht trauten. Doch dieses Mal war er sich ganz sicher. Im Kaufhaus vor einem Kosmetikstand beobachtete er, wie eine Person geschickt aus der Handtasche einer älteren Dame eine Geldbörse herauszog und sie ihrem Begleiter zusteckte. Solche Szenen kannte er aus Kriminalfilmen. Die Person mit den langen Fingern war klein, schwarzhaarig, südländisch und sehr hübsch. Ihr Partner dagegen war blond, groß und breitschultrig und hatte ein fröhliches, sogar sympathisches Gesicht.
Als er die Geldbörse in seiner Tasche verschwinden ließ, trafen sich ihre Blicke. Der blonde Riese lächelte breit. Tim war sich nicht sicher, ob das Lächeln freundlich war oder eine Warnung. Er war kein Held, doch er war bereit, den Vorfall dem Hausdetektiv zu melden. Zum lauten „Haltet den Dieb!“ reichte es allerdings nicht. Deshalb ging er erst einmal nach draußen und zündete sich eine Zigarette an.
Als der Glimmstängel qualmte und er den Rauch tief einzog, bedeckte ihn ein großer Schatten. Vor ihm stand lächelnd der blonde Riese. Tim überlegte, ob er ihn gleich hier zur Rede stellen sollte.
Erst jetzt bemerkte er, dass der Andere ein aufklappbares Messer in seiner rechten Hand hielt. Tim wagte kaum zu atmen. Er dachte an Chinatown, wo man einem zu neugierigen Detektiv die Nase aufgeschlitzt.
„Heute haben wir endlich schönes Wetter, oder?“
Was sollte er sagen? Es war in der Tat schön.
Der blonde Riese zog einen Apfel aus seiner Tasche. „Sehr gesund. Doch vorher sollte man sie schälen.“ Er klopfte Tim auf die Schulter. Ganz leicht und behutsam, wünschte noch einen guten Tag und ging zu seiner Partnerin, die lächelnd auf einer der Bänke saß.
Tim war sich gar nicht mehr sicher, ob sie wirklich eine Geldbörse aus der Handtasche gezogen hatte.

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Manfred Schröder: Strangula


Strangula

© Manfred Schröder

Sie gingen Hand in Hand. Das Laub unter ihren Füßen raschelte Vergänglichkeit. Sie blickte von der Seite zu ihm herauf.
„Seltsam“, dachte sie. „Erst seit gestern kenne ich ihn und doch fühle ich mich geborgen. Gibt es doch die Liebe auf den ersten Blick?“
Der Mond hatte sich durchs Wolkengebälk freigeschwommen und verzauberte den Park mit seinem milden Schein. Sie drückte fest seine Hand und er erwiderte den Druck. Der leichte Wind war sanft und angenehm kühl.
Er zeigte auf eine Bank, welche einladend unter einem Baum stand. „Komm, lass uns einen Moment setzen.“
Eine Zeitlang saßen sie schweigend nebeneinander.
„Darf ich dich etwas fragen?“
Er drehte seinen Kopf zu ihr und blickte sie mit seinen blauen Augen an.
„Natürlich, Amanda.“
Sie schwieg noch einen Augenblick und es schien, als ob sie mit sich noch kämpfe.
„Der Name Strangula. Ein seltsamer Name. Er klingt so ausländisch. Ja, ich muss an Rumänien denken.“
Er lächelte.
„Eigentlich ist es ein Kosename. Man gab ihn mir, weil die meisten Menschen, mit denen ich zusammen bin, die Luft zum Atmen ausgeht.“
Sein Lächeln breitete sich über das ganze Gesicht aus. Sie zuckte zusammen. Auf dem untersten Ast des Baumes hockte ein Rabe und starrte mit seinen runden Augen auf sie herab.
„Wie meinst du das?“
Er hob seine Hände und seine Finger, zart und doch kräftig, bewegten sich leicht und spielten eine unhörbare Musik. Der klagende Ton eines Vogels drang zu ihnen herüber. Dann schien sie zu begreifen.
„Nein!“, flüsterte sie kaum hörbar. Die Angst kroch an ihr empor, gleich einer Schlange und lähmte sie.
Er lächelte noch zärtlicher. „Doch!“
Seine spielenden Finger näherten sich ihrem Hals. Noch einmal erklang des Vogels klagender Ton. Dann herrschte Stille.
Kommissar Blake und sein neuer Assistent Poe standen vor der Leiche, welche wie aufgebahrt auf der Bank lag.
„Was meinen Sie, Poe. War er es wieder?“
Dieser blickte auf seine Hände und bewegte seine zarten, doch kräftigen Finger, wie ein Pianist, bevor er in die Tasten schlägt.
„Ja, es war wohl wieder – Strangula.“

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Krimi, Kriminalgeschichte, Kommissar, Leiche, Strangula

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Manfred Schröder: Kommissar Kröger und der Juwelenraub


Kommissar Kröger und der Juwelenraub

© Manfred Schröder

Es war kurz nach zehn am Vormittag. Nur wenige Gäste gab es um diese Zeit im Lokal Zum Haifisch. Henry, der Barkeeper sah zum Ecktisch herüber, wo sich ein Freier anscheinend mit Tanja, der neuen Nutte, nicht über den Preis einigen konnte. Nach kurzer Zeit stand sie auf, warf ihm wohl ein Schimpfwort auf Russisch an den Kopf und kam zum Tresen.
„Blödes abgewichstes Freier da!“, schimpfte sie zu Henry, indem sie auf den Mann am Tisch zeigte.
Henry nickte nur und zuckte die Schultern. Was gingen ihn die Streitigkeiten der Nutten mit ihren Freiern an. Sein Kopf schmerzte. Er hatte nur wenige Stunden geschlafen. Eigentlich war er froh, dass es nicht so viel Betrieb gab.
Die Baroness am Tresen steckte den kleinen Spiegel, mit dessen Hilfe sie sich die Lippen geschminkt hatte, in ihre Handtasche. „Gib mir noch einen Cognac. Und schütte dir auch einen ein. Dann werde ich nach Hause gehen und mich hinlegen.“ Sie steckte sich eine Zigarette an. „Hast du schon die Zeitung gelesen?“
Er schob ihr das Glas Cognac hin und schüttelte den Kopf. „Nein. Warum?“
Mit einem Zug kippte sie das Getränk hinunter. „Gestern vor Geschäftsschluss hat ein Mann den Juwelier in der Hafenstraße überfallen. Muss sich gelohnt haben, wie die Zeitung schreibt.“
Henry gähnte und blickte nach draußen. Es hatte angefangen zu schneien, obwohl es erst Anfang Dezember war. Er sah, wie Tanja auf der anderen Straßenseite mit einem neuen Freier sprach. Sie schienen sich wohl geeignet zu haben, denn er fasste sie unter dem Arm und sie zogen davon. Henry blickte einen Augenblick nachdenklich die Baroness an.
„Was ist?“, fragte sie.
Er fuhr mit seiner Hand über die Augen. „Wo warst du gestern so zwischen vier und sieben?“
Sie machte ein erstauntes Gesicht, weil sie seine Frage nicht verstand. „Warum willst du das wissen? Ich war zu Hause.“
Die Tür öffnete sich und eines der Mädchen kam herein um sich aufzuwärmen. „Bring mir einen Cognac. Saukalt draußen. Ich setze mich dort hin.“
Henry nickte, dann wandte er sich wieder an die Baroness. „Ich war den ganzen Nachmittag bis zum Abend bei dir.“
Wenn es sein musste, begriff sie schnell. Ein Lächeln legte sich um ihren Mund. „So, warst du?“
Henry goss den Cognca ein und brachte ihn zum Tisch des Mädchens. Als er zurückkam, sagte er nur: „Ja, ich war bei dir. Kommissar Kröger wird bestimmt wohl heute noch zu mir kommen und nach meinem Alibi fragen. Du weißt doch, dass ich vorbestraft bin wegen Raub.“
Die Baroness zündete sich eine neue Zigarette an. „Dann gieß uns noch mal Cognac ein. Ich kann ihn gebrauchen. Und wie geht’s dann weiter?“
Henry fuhr mit seiner Hand durch sein schütteres Haar. „Komm, und vertrete mich einen Augenblick hinterm Tresen und gib mir deine Wohnungsschlüssel. Werde ein paar Fingerabdrücke von mir hinterlassen. Bin gleich wieder zurück. Ist ja nicht weit.“
Die Baroness kramte in ihrer Handtasche, nahm einen Schlüsselbund heraus und reichte ihn Henry. „Ich habe mit ´wie es dann weiter geht´ etwas anderes gemeint.“
Henry lächelte. „Klar. Doch mach dir keine Sorgen. Ich weiss, dass nichts umsonst ist.“
Sie erhob sich und ging hinter den Tresen.
Henry nahm seine Jacke und berührte ihre Schulter. „Bin gleich wieder zurück.“
*
Hauptkommissar Kröger stand am Fenster und blickte auf den tristen Hinterhof, wo mehrere Polizeiautos standen. Der Schnee, der einen frühen Winter versprochen hatte, war fast dahin. Nur einige weiße Inseln leuchteten schwach im grauen Einerlei. Er seufzte und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Vor ihm lagen die Fotos der gestohlenen Schmuckgegenstände aus dem Juwelierraub. Er kannte sie auswendig und hätte sie alle bis ins kleinste Detail beschreiben können. Fast fünf Wochen waren vergangen.
Sicher, heiße Spuren gab es, doch keine Beweise, die zu einer Festnahme reichen würden. Henry, sein Hauptverdächtiger hatte, wenn auch kein so hundertprozentiges, doch ausreichendes Alibi. Die Baroness! Er hatte die Stadt verlassen, um sich ein wenig bei seiner Mutter zu erholen, die auf dem Lande eine kleine Pension betrieb. Kröger seufzte. Erholung, ja, die könnte er auch gebrauchen. Und den Kommissar Glück. Einen Augenblick blieb er noch sitzen und betrachtete die Fotos der Schmuckstücke. Tolle Stücke waren darunter. Er dachte an seine Frau, die so was wohl auch gerne tragen würde. Besonders das goldene Herz, eingefasst in Brillianten. Oder die goldenen Uhr, deren Punkte für die Stunden in kleinen Diamanten ausgelegt waren. Er legte die Fotos in die Schublade zurück. Gegen Vier kam sein Assistent Brenner.
„Mist“, fluchte er, „meine ganzen Füße sind nass. Sauwetter.“
Kröger erhob sich. „Kannst mich heute Abend Zum Haifisch begleiten. Freiwillig natürlich. Gebe einen aus“
Brenner schaute erstaunt. So kannte er seinen Chef gar nicht.
„Ja, warum nicht. Bisschen entspannen. Zumal Gerda mit den Kindern bei ihrer Mutter ist. Kommt erst morgen wieder. Doch warum Zum Haifisch?
Kröger fuhr sich mit der Hand durch das müde Gesicht. „Weiß auch nicht so recht. Hab nur so ein Gefühl für …“ Er stockte, als müsse er überlegen. „Ach, einfach nur so. Und ein wenig schauen, was die Jungens und Mädel da so treiben. Treffen uns um Acht vor der Kneipe. Bis später, muss noch zur Gerichtsmedizin.“ Er zog sich den Mantel über, hob kurz die Hand und verließ den Raum.
*
Die Kneipe war nicht so voll, wie Kröger erwartet hatte. Hinter dem Tresen stand Bully, der Schwarze aus den Staaten, der vor einigen Jahren in der Stadt hängen geblieben war.
Kröger hob kurz die Hand. „Bring uns zwei Bier.“ Er zeigte zu einem der leeren Tische.
Bully grinste. Er grinste fast immer, als wolle er Reklame für seine weißen Zähne machen. Am Tresen saßen einige, wohl Freier, mit den Mädchen.
Sie setzen sich.
Brenner schaute Kröger aufmerksam an.
„Chef, Sie haben etwas. Ich kenne Sie zu lange, um mich zu täuschen.“
Dieser trommelte leise mit seinen Fingern auf die Tischplatte. „Stimmt, Brenner. Eigentlich hatte ich gehofft, dass …“
In diesem Moment öffnete sich die Tür und die Baroness trat ein. Sie schien beim Friseur gewesen zu sein. Die Haare, jetzt kurz geschnitten, standen ihr gut.
„Was haben Sie gehofft?“, fragte Brenner.
Kröger antwortete nicht.
Bully stellte die beiden Biere auf den Tisch. „Auf Rechnung des Hauses“.
Kröger ginste. „Du weißt doch, dass dies schon der Versuch einer Beamtenbestechung ist. Für die Baroness einen Cognac. Frag sie, ob sie uns Gesellschaft leistet.“
Bully machte ein gespielt erstauntes Gesicht. „Schau, schau, die Polizei auf Abwegen. Werde es ihr ausrichten“.
Kröger wandte sich an Brenner. „Was ich gehofft habe? Dass die Baroness heute auftaucht.“
„Um ihr einen Cognac zu spendieren?“, murmelte Brenner verblüfft.
Kröger sah, wie Bully mit der Baroness redete. Sie tätschelte Bully auf die Wange und stolzierte herüber.
Kröger verbeugte sich. „Darf ich Ihnen aus dem Mantel helfen, gnädige Frau?“
Die Baroness nickte spöttisch. „Neue Taktik der Polizei? Gerne, Herr Kommissar.“
Kröger lächelte.
Im Ausschnitt der Baroness prangte glänzend und unübersehbar ein goldenes Herz, umrandet mit Diamanten.
„Ich glaube, Brenner, unser Juwelenfall ist abgeschlossen!“
Die Baroness erblasste vor Schreck.

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Susanne Weinhart: Abschied eines Junggesellen


Abschied eines Junggesellen

© Susanne Weinhart

Iris Wegener stand mit ihrer siebenjährigen Tochter Donata an der eisernen Brüstung und sah besorgt auf den unter ihr liegenden rechteckigen Parkplatz. Der Septemberwind riss an ihrem weißen Kleid, zerrte an ihren braunen Haaren und den darin von geschickten Händen eingeflochtenen Margeriten. Sie war eine kleine Frau mit einem bleichen, hageren Gesicht, welches kaum dem Sonnenlicht ausgesetzt war, ihre ungewöhnlich großen Hände, die einen merkwürdigen Kontrast zu ihren kurzen Armen bildeten, klammerten sich um das Geländer, als würde der gekieste Friedhofsboden vibrieren. Donata Wegeners ebenes Gesicht war verschlossen, der volle Klang der bauchigen Kirchenglocken, das fröhliche Stimmengewirr um sie herum, die letzten Ankömmlinge auf dem Parkplatz schwammen an dem dürren Mädchen vorbei wie abtreibende Hölzer. Hochzeitsvaporetti.
Die kleine Bartholomäuskapelle war voll, der Wind schien alle Stadtbewohner wie trockene Laubblätter sorgsam hereingeschoben haben. Alle, bis auf einen.
Der Bräutigam, Guido Navarro, ließ seit über zwanzig Minuten auf sich warten. Das war schon mehr als ein akademisches Viertel, das man dem oft abgelenkten Anglistik-Habilitierenden zugestehen konnte. Iris drehte den Kopf und musterte ihren Vater, der erregt mit dem rotgesichtigen Pfarrer der Gemeinde vor der Kirchentür flüsterte; sie konnte nicht genau hören, was der kräftige Bäckermeister zu sagen hatte, aber sie kannte ihren Vater gut und lang genug, um den Inhalt zu erahnen. Beide lachten hochmütig, das Lachen wie ein dicker, konsekutiver Strich, sie riefen: „Die Italiener!“, ein nationales Etikett, womit alles über die Ware, den Schwiegersohn in spe, gesagt war. Iris hatte in den letzten zwei Jahren verlernt, sich darüber aufzuregen. Viel wichtiger war jetzt Guido. Hatte er die Ringe vergessen und war noch einmal zurückgefahren? Verschlafen? Hatte er vor der Hochzeitsreise noch Arbeiten für seinen von Neid zerfressenen, erfolglosen Professor Lampert erledigen müssen? Was war los? Guido, bitte!! Als Iris Alessandro, Guidos älteren Bruder aus Venedig, aus der Kirche treten sah, sich fragend umblickend, zerrte sie die sich sträubende Donata hinter sich her, redete schnell auf Alessandro ein, der mit einem „Si, si“ zu seinem Auto sprintete, Iris und Donata tappten langsam, auf ihre Kleidersäume achtend, die breiten steinernen Stufen hinunter und stiegen wie kleine toupierte Wolken in den wartenden himmelblauen Volvo.
Es muss ihm etwas passiert sein, überlegte Iris schließlich, das weiße Tüll des Schleiers von einer Hand in die andere reichend, etwas Schlimmes. Oder er war von der gestrigen Feier völlig weggetreten.
Alessandro fragte alle zwei Minuten Donata „Stai bene, cara?“, worauf Donata immer auf Deutsch antwortete. „Ja. Doch. Klar.“ Dazwischen gähnte sie.
„War es gestern noch wild?“, fragte Iris Alessandro streng, der durch die staubigen, verwinkelten Straßen der mittelalterlichen Stadt preschte wie ein Ralleyfahrer nach Dakar.
„Maaah..,“, antwortete er vielsagend, „Guido e vino … das verträgt sich nicht gut.“ Er musste grinsen, dachte wohl an eine besonders lustige Anekdote der Junggesellenfeier, die im geräumigen Keller des Wegener-Hauses stattgefunden hatte.
Iris stimmte in Gedanken zu, was sie aber nicht daran hinderte, Alessandro energisch zu widersprechen. Innerlich atmete sie auch ein wenig auf. Wahrscheinlich hatte Guido einfach zu tief ins Glas geschaut. Er trank ja kaum an Sylvester Alkohol, worüber sich seine italienische Verwandtschaft bei jeder Gelegenheit mokierte. Che vergogna!
Sie bogen schwungvoll in den ausgestorbenen Hof hinein, der am idyllischen Waldrand lag, daneben der überschwemmte Fußballplatz und ein im Verfall begriffener Holzstadel mit einst teuren Geweihen und Lüftlmalereien, die verschiedene Städte zeigten, darunter München und Lübeck. „Buddenbrook-Laube“, nannte sie Guido liebevoll.
„Guido!“
Alessandro und Iris schrien abwechselnd seinen Namen, als sie ins nicht abgesperrte Haus stürzten und in den Keller liefen. Tatsächlich hing er vornüber in einem der knarzigen Korbstühle, das weiße Hemd vorne aufgeknöpft, vor sich zerbrochene Teller und leere Rotweinflaschen, die schwarzen, schönen Haare wild zerzaust. Donata staunte sie an.
„Guido!“ Iris rüttelte an seinen Schultern, ein Stöhnen erwartend, ein ärgerliches oder erschrockenes Grunzen, doch nichts kam. Stattdessen lösten sich Guidos aufgestützten Arme von der Tischplatte und der schwere Körper des Mannes polterte zu Boden.
Alessandro packte seinen Bruder und drehte ihn mit der einen Hand auf den Rücken, während er mit der anderen den Puls am Hals suchte.
„Guido!“ Iris‘ Stimme gellte durch den Keller, durch den Hof, das Ausrufezeichen groß wie ein sechster Kontinent, sein Punkt vielleicht Australien.
Guido konnte seiner Braut nicht antworten, so laut sie auch den geliebten Namen schrie. Er war tot.
Alessandro ließ erschrocken den feuchten, eiskalten Hals los, so dass Guidos Kopf dumpf auf den Berberteppich prallte.
„Mio dio!“
*
Auf den ersten Blick herrschte am Montag nach dem grausigen Fund friedvolle Geschäftigkeit in der niedrigen, hellgrünen Küche, die zur Bäckerei Wegener gehörte. Iris knetete in einer weißen Emailschüssel einen dicken Mürbteig, ihre großen, kräftigen Hände teilten bedächtig die mehlige Masse, vor ihr lagen in sorgsam getrennten Häufchen Bitterschokoladensplitter, fein geschnittene Apfelschnitze, glänzende, nach Rum duftende Rosinen, daneben zwei gut eingefettete, runde Kuchenformen. Donata hatte Iris in die Schule geschickt, zu Hause würde sie nur noch unruhiger werden. Erschöpft hielt sie im Kneten inne und rieb sich mit dem fast teigfreien Handrücken die Stirn. Draußen schien die Sonne, sie stach durch das ausladende Fenster wie kleine Rasierklingen auf Iris ein. Sie griff hinter sich nach der ausgebeulten, warmen Dose mit dem gemahlenen Zimt und fuhr leicht zusammen. An der Tür stand ein großer, kräftig gebauter Mann in einem schwarzen Blouson, der sie unverwandt anstarrte. „Guten Morgen, Frau Wegener“, sagte er, wobei er sich nicht einen Zentimeter in die Küche bewegte, „ich bin Jo Lilienstein, Kripo Kranzstadt.“ Er zeigte seine Marke.
Lilienstein hatte bereits den Bericht seines jungen Kollegen Wolter sorgfältig gelesen, der ihn gestern vertreten hatte, als er seine Frau von einem überteuerten Wochenendseminar in Weimar abgeholt hatte, mit dem Gerichtsmediziner telefoniert, ein kurzes Gespräch mit seinem Vorgesetzten Luca auf dem zugigen Gang des Reviers geführt und eben den Kellerraum inspiziert. Er betrachtete die kleine Person, die sich mit müdem Blick und ohne Begrüßung von ihm abgewandt hatte und ihren Teig fertig knetete, aufmerksam. „Wir wissen nun, woran Ihr Mann … Ihr Bräutigam gestorben ist, Frau Wegener. Sowohl im Körper als auch in der Weinflasche, die vor ihm stand und aus der er trank, sind hohe Mengen Barbiturate gefunden worden. Eine Überdosis an Schlafmitteln.“
„Schlafmittel?“ Iris boxte auf den störrischen Teig, bis er sich zu einer Kugelform überreden ließ. „Ich habe noch nie gesehen, dass Guido Schlafmittel genommen hat. Er brauchte ja nichts, er konnte quasi auf Knopfdruck schlafen. Das muss ihm jemand hinein getan haben, oder … oder …“ Ihre sonst energische Stimme verebbte.
„Oder er hätte sich selbst umgebracht“, ergänzte Lilienstein sanft, „was wir nicht ausschließen dürfen. Wissend oder unwissend. Promille genug hatte er ja.“
Iris sah Lilienstein verächtlich an, wie eine missratene Breze. „Nie hätte er das getan.“ Sie teilte die Kugel in zwei Hälften und klatschte diese zornig in die Formen. „Wir wollten gestern heiraten, oder haben Sie das vergessen?“ In ihr stiegen die Tränen hoch, aber sie biss sich auf die Zunge.
„Haben Sie Barbiturate im Haus?“
„Natürlich. Mit der Zeit bekommt jeder, der in einer Bäckerei arbeitet, Schlafstörungen. Die permanente harte Nachtarbeit in der Hitze und im grellen Licht, das stundenweise Schlafen am Tag, irgendwann geht die innere Uhr verloren. Man will schlafen und kann nicht mehr.“ Iris schnaubte.
„Ihr Vater zum Beispiel?“
„Ja.“
„Leiden Sie auch darunter?“
„Ja.“ Iris wurde misstrauisch.
„Wo befinden sich die Schlafmittel?“
„In dem Apothekerkasten bei uns in der Diele.“
„Also für jeden, der sich im Haus befindet, zugänglich, falls das Schlafmittel von dort entwendet wurde. Es kann natürlich auch mitgebracht worden sein.“ Lilienstein seufzte. „Ich werde mir das mal ansehen. Wissen Sie übrigens, wer gestern nach Mitternacht noch bei Guido im Keller war?“
„Nein, ich war ja nicht dabei. Bestimmt Alessandro und Gianni, seine beiden Brüder, unsere Väter … die beiden Freunde vom Fußball, Stefan Sonner und Thomas Reiß, ein paar von der Universität … mehr kann ich nicht sagen.“
„Sie haben ja geschlafen.“
„Richtig.“
„Sie haben nichts gehört?“
„Nein.“
„Aber es muss doch laut gewesen sein, solche Junggesellenabschiede sind ja keine Gebetskreise.“
Iris schwieg, während sie die Apfelschnitze exakt in die Formen schichtete.
„Es sei denn, man hat Schlafmittel genommen … da bekommt man nichts mehr mit, nicht wahr?“ Lilienstein sah Iris prüfend an und stolperte durch das alte Haus mit den bunten Tapeten und dem zerfurchten, nussbraunen Holzboden, bis er in der Diele das weiße Apothekerschränkchen ausmachte. Er öffnete es vorsichtig mit einer Telefonkarte, heraus fiel eine große, türkisfarbene Packung, mit dem Namen des Schlafmittels, den ihm Roland Pauly, der Gerichtsmediziner, genannt hatte. Erschrocken schob Lilienstein sie mit dem Fuß zur Seite. Sie stand offen und war völlig leer.

Nachdem Lilienstein die Packung ins Labor geschickt hatte, um Fingerabdrücke überprüfen zu lassen – weitere Schlafmittel hatte er nicht gefunden – machte er sich als Erstes auf den Weg in eine Pension in der Rittergasse, in der die italienische Verwandtschaft von Guido Navarro für die Dauer der Feierlichkeiten abgestiegen war. Von den Fingerabdrücken versprach er sich nicht viel. Er hatte auch noch in sämtliche Mülleimer im und um das Haus herum einen Blick geworfen. Keine leeren Folienhülsen.
Im Foyer traf er auf Gianni Navarro, Guidos Zwillingsbruder. Er trank einen schwarzen Kaffee und schien über den Besuch des Polizisten nicht im Mindesten überrascht zu sein. Wie sein Bruder, dem er sehr ähnlich sah, wie Lilienstein, der bislang nur Fotos des toten Guido gesehen hatte, insgeheim konstatierte, sprach er exzellent Deutsch. Er bestätigte Lilienstein die von Iris genannten Personen.
„Wann haben Sie Guido gestern verlassen?“
Gianni überlegte. „So um halb zwei, denke ich. Zusammen mit papà und Alessandro. Er schien schon sehr müde zu sein. Wegener war kurz vor uns gegangen, Guidos amici schon um einiges früher. Guido war den ganzen Abend sehr vergnügt, obwohl Iris‘ Vater ihn öfter provoziert hat. Na ja.“ Er schaute auf den Boden, dann auf Lilienstein. „Haben Sie schon einen Verdacht, commissario?“
„Iris‘ Vater hat ihn provoziert?“ Lilienstein überlegte.
„Na ja, die alte Leier eben. Italiener, faul, Spaghettifresser, brotlose Künste, Frauenverführer, nichts für seine Tochter. Das sagt er schon, seit ich ihn kenne.“
Lilienstein horchte auf. „Wie lange kennen Sie ihn denn schon?“
„Oh, eine ganze Weile. Vier Jahre vielleicht. Ich habe hier in der Stadt Medizin studiert, bevor Guido aus Venezia nachkam. Und Iris bald auf einem Weinfest getroffen.“
Lilienstein blickte forschend in das offene Gesicht des attraktiven Italieners. Er konnte sich vorstellen, dass Frauenherzen bei Gianni Navarros Lächeln höher schlugen. Auch Iris Wegeners Herz? „Hatten Sie mit Iris Wegener ein Verhältnis?“, fragte er beinahe schüchtern und ärgerte sich gleich darüber, überhaupt gefragt zu haben.
„Verhältnis? Si, etwa eineinhalb Jahre. Sie war sehr unglücklich, nachdem der Vater von Donata sie sitzen gelassen hatte.“
„Und dann?“
„Dann kam Guido. Kam, sah und siegte. Basta.“ Er grinste, wurde aber gleich wieder ernst.
„Und starb“, ergänzte Lilienstein leise.
„Wie ich vorher schon fragte, commissario: haben Sie schon einen Verdacht?“ Giannis Augen wurden zu schmalen Schlitzen.
Schon jetzt zu viele, dachte Lilienstein und verabschiedete sich dankend.
*
Was Alessandro vor allem beisteuerte, war Verwirrung. Er jammerte, schrie und schluchzte, als Lilienstein ihn in seinem Zimmer nach den Vorgängen des Abends befragte, sprach von Speisen, die überhaupt nicht im Raum gewesen waren, von Donata als kleiner Fee und verfluchte sich und schließlich den Mörder, den er eigenmächtig richten werde, sobald er denn feststehe. Schließlich war Lilienstein überzeugt, dass Alessandro an dem Abend entweder so betrunken war, dass er keine sachdienlichen Informationen liefern konnte, oder dieser dramatische Auftritt war eine ihm zugeeignete Verschleierungsoper. Auch Alessandros Vater, der wie betäubt neben seiner schönen, gütig blickenden Frau saß, war nichts aufgefallen. Guido sei nie aus dem Raum gegangen, nur einmal auf die Toilette im hinteren Keller. Auch sonst habe niemand den Raum verlassen oder sei hinauf ins Wegener-Haus gegangen. Iris Vater hätte sich sehr unfreundlich gegenüber der Familie verhalten und sie beleidigt.
Als das Schweigen zu nisten begann, fragte Lilienstein zögerlich: „Was haben Sie damals dazu gesagt, dass Guido Gianni die Freundin ausgespannt hat?“
Der Alte sah überrascht aus. „Das wusste ich gar nicht, dass Iris Giannis Freundin war. Aber bei den Zwillingen war das oft so. Genetico!“ Er zuckte traurig mit den Achseln.
Lilienstein erkundigte sich noch vorsichtig, was Guido einmal von der Familie geerbt hätte. „Meine Buchhandlung in Venezia mit dem Familienhaus. Gianni verdient gut als Arzt in Genf, und Alessandro hat keine Ahnung von Büchern, geschweige denn von wirtschaftlichen Dingen. Es wird eine Katastrophe, wenn nun Alessandro das Geschäft bekommt.“
„Kannte Alessandro Ihren Willen?“
„Ich habe es ihm vor ein paar Tagen zum wiederholten Mal gesagt. Er kannte ihn gut.“
„Wäre Iris ihrer Meinung nach die passende Frau für Guido gewesen?“
„Perché no? Sie ist eine nette, fleißige Frau.“
„Aber Sie hatte bereits ein Kind …“
„Das war Guidos Sache, und ihn störte das nicht. Im Gegenteil.“
Lilienstein nickte, blickte auf das verstörte Gesicht von Signora Navarro, murmelte ein „Scusi“ und ging.
*
Als Lilienstein wieder vor dem großen Bauernhaus mit den bunten Geranien parkte, war es bereits später Nachmittag geworden. Annika, seine kleine Tochter, war nach dem Mittagessen im Garten in eine Wespe getreten und da ihre Ferse tennisballgroß angeschwollen war, hatte sie darauf bestanden, zur Klinik gefahren zu werden, „um nicht den Wespentod zu sterben“, was sie alle zwei Minuten befürchtete. Nun hatte sie einen kleinen Verband bekommen, ein Mediziniheft und ein Kühlkissen, mit dem sie sich auf Liliensteins Sofa im Arbeitszimmer verzog und schließlich als Überlebende einschlief. Lilienstein musste lächeln, als er ausstieg. Doch das Lächeln flog aus seinem Gesicht, als er Donata sah, die auf einer Leiter stand und ihre Nase nahezu in ein großes, graubraunes Wespennest steckte, das unter dem Giebel der bemalten Laube klebte, nahe den abblätternden Kuppeln der Münchener Frauenkirche.
„Hey, geh da weg von den Wespen!“, schrie Lilienstein, der von unten sah, dass die Wespen begannen, auf Donata einzufliegen.
Donata stieg schuldbewusst, aber ohne Hektik von der Leiter. „Die sind nicht so schlimm“, sagte sie zu Lilienstein, „Mama sagt, es ist nur schlimm, wenn man sie verschluckt, und ich hatte den Mund fest zu.“
Lilienstein schüttelte den Kopf, dachte an Annikas Todesängste und musterte das hübsche, aber herbe Mädchen. „Bist du traurig, dass Guido tot ist?“
Donata nickte, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie rannte um das Haus.
Iris kam aus der Backstube und musterte Lilienstein unfreundlich. „Was haben Sie zu Donata gesagt? Das Kind macht schon genug durch.“
„Ist Ihr Vater da?“, entgegnete Lilienstein statt einer Antwort, „ich muss mit ihm sprechen.“
„Der repariert die defekte Semmelmaschine im Rückgebäude.“ Iris machte keine Anstalten, ihm den Weg zu zeigen. Vielleicht wollte sie auch ihrem Vater nicht über den Weg laufen.
„Was ich Sie noch fragen wollte, Frau Wegener: wie viel Tabletten waren denn ungefähr noch in der Packung, als sie sie zum letzten Mal in der Hand hatten, und wann war das?“
„Das war so um zehn. Da war noch ein volles Folienblatt mit zwölf Tabletten drin.“
Lilienstein notierte sich auch das, obwohl er solche Dinge selten vergaß und irrte auf gut Glück durch die Backstube in Richtung Nordseite des Hauses. Tatsächlich fand er nach einigem Hinhören den Bäckermeister Wilhelm Wegener, der gerade fluchend seine Werkzeugtasche auf den Kopf stellte.
„Wer sind Sie?“, blaffte er, als er Lilienstein gewahr wurde. Sein Gesicht war rot angelaufen und drohte über dem zitternden Schnauzbart zu explodieren.
„Ich bin von der Polizei, Herr Wegener. Jo Lilienstein. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.“
„Fragen, Fragen“, keuchte der andere, unter die kupferne Maschine robbend, „schauen Sie zu, dass Sie Antworten haben, wenn die Mörder hier ein und aus gehen!“
„Wann haben Sie Guido Navarro zum letzten Mal lebend gesehen?“, fragte Jo ruhig, vorsichtig das blinkende Werkzeug außer Wegeners Reichweite schiebend.
„Lebend gesehen, lebend gesehen … gestern halt … bei der Junggesellensause hab ich ihm noch mal meine Meinung gesagt, dass ich nicht einverstanden bin mit dem Ganzen.“
„Sie meinen die Heirat?“
„Die Hochzeit, der Wegzug von Iris und Donata nach Venedig, dass meine Bäckerei keinen Nachfolger hat, dass ich fremde Leute einstellen muss …“ Wegener kam mit tropfender Stirn und ölverschmierten Händen unter der Maschine hervor, „das wäre ein Fiasko geworden. Gegangen bin ich um ein Uhr. Da hat er Donata einen Kuss gegeben und gesagt, das hieße ‚bacio‘ auf Italienisch“. Er spuckte auf den backsteinroten Kachelboden.
Lilienstein nickte. „Dann kam der Tod von Guido ihnen ja nicht ungelegen, oder?“
„Wenn Sie so wollen: ja. Ich habe noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich mir einen anderen Schwiegersohn wünschte.“ Der Bäckermeister stemmte die muskulösen Arme in die Hüfte. „Noch Fragen?“
„Wann haben Sie zum letzten Mal das Schlafmittel im Apothekerkasten benutzt?“
„Schon länger her. Ein paar Tage. Letzten Mittwoch vielleicht.“
„Wie viele Tabletten waren da noch in der Packung?“
„So was merke ich mir nicht.“
„Haben Sie an Guidos Verhalten an dem Abend, gerade als Sie gingen, etwas Merkwürdiges feststellen können?“
Wegener lachte freudlos und winkte ab: „Er war Italiener und betrunken … das war sozusagen die Summe seines Verhaltens, Herr Kommissar.“
Lilienstein hatte genug gehört und ging. Vor seinem Auto stritten sich drei graue Katzen um eine tote Maus. Deinen Tod aufzuklären, wäre fast so schwierig wie bei Guido Navarro, dachte Lilienstein mit Blick auf das herumgezerrte Tierchen und ließ in der untergehenden Sonne den Motor an.
*
Er war auf seinem Sofa eingeschlafen, nachdem er bis in die Nacht über seinen Notizen gebrütet hatte. Die schweren Vorhänge hatte er nicht zugezogen, so dass die frühe Helligkeit im Zimmer ihn aufscheuchte. Ihn fror. Gestern hatte er noch mit den drei Kommilitonen und den zwei Fußballkumpel Guidos telefoniert. Es stellte sich heraus, dass sie ein Taxi zu fünft in die Innenstadt genommen hatten, um genau 23.30 Uhr. Zu dieser Zeit stand der präparierte Brunello noch gar nicht auf den Tisch, wie Lilienstein herausgefunden hatte, da tranken noch alle den billigen Chianti, sie hätten demnach gar nicht wissen können, in welche der unzähligen Brunelloflaschen aus den edlen venezianischen Holzkisten das Schlafmittel zu bröseln sei. Unwahrscheinlich auch, dass einer von ihnen im Zeitraum von 22 bis 23.30 Uhr unbemerkt zu einem ihn wohl völlig unbekannten Apothekerkasten gepilgert wäre und dort zufällig Schlafmittel gefunden hätte. Der von Lilienstein aus dem Bett geklingelte Roland Pauly meinte schlaftrunken, bei den Mengen müsse man von einer „Vergiftungszeit“ von etwa ein bis zwei Uhr rechnen, die Zeit, die gerade sein Wecker anzeigte, falls Lilienstein das entgangen sei, schließlich war Guido beim Abschied der Italiener um halb zwei noch ansprechbar gewesen, in diesem Zeitraum müsse Guido schlussendlich den „Wein im Schlafrock“ konsumiert haben. Mordmotive der fünf – ebenfalls Fehlanzeige, dachte Lilienstein, der sich die auf den Boden gefallene Schurwolldecke fest auf den Bauch presste. Blieb also der familiäre, motivreiche Kreis um den Navarro-Wegener-Clan, wo er nicht weiterkam. Auf dem Schlafmittel waren wie vermutet Fingerabdrücke von Iris, Donata und Wilhelm Wegener zu finden, auf der Flasche hatte Guido alles verwischt. Selbstmord hielt er für absurd.
In dem Moment hörte Lilienstein das grelle Sechs-Uhr-Läuten des Weckers seiner Frau im anliegenden Schlafzimmer, kurz darauf klopfte es an seiner Tür, und Laura schob sich mit einer Tasse Kaffee witternd herein. „Gut, dass du ein eigenes Zimmer hast, Jo, ansonsten wären wir einer Scheidung den entscheidenden Schritt näher“, lachte sie, als sie sah, dass er wach war, und küsste ihn auf den Mund.
Lilienstein brummte und nahm ihr die heiße Tasse aus der Hand, bevor sie es sich anders überlegte. „Wie geht’s Annika?“
„Gut, sie will heute mit Gummistiefeln in die Schule“, meinte Laura gähnend und tappte wieder aus dem Zimmer, um ihre korrigierten Aufsätze vom Schlafzimmerboden einzusammeln.
Lilienstein trank den Kaffee in kleinen, schnellen Schlucken, während er noch einmal die Notizen überflog und doch eigentlich an Annika und ihre Ferse dachte, bis ihn etwas stutzig machte, das er in der gestrigen Hektik der wie junge Vögel herein flatternden Berichte übersehen hatte. Im Weinrest in Guidos Flasche hatte man noch etwas anderes als das Schlafmittel entdeckt, etwas, das Jo als „nicht außergewöhnlich“ überlesen hatte – Jo ärgerte sich über sich selbst und rannte zum Telefon. Er ließ sich mit Gianni Navarro verbinden. Er war blass, als er auflegte.
*
Um vierzehn Uhr hatte sich die ganze Familie Navarro bei Wegeners auf der Terrasse versammelt, um Guidos Beerdigung in Kranzstadt zu organisieren, da die Leiche nach der Obduktion offiziell freigegeben worden war.
Lilienstein kam leise von der Nordseite hinzu, als sich Iris und ihr Vater wieder in den Haaren lagen – Iris wollte Guido im Familiengrab neben ihrer Mutter beerdigen, Wilhelm sprach Guido jegliche Familienzugehörigkeit rundum ab, worauf die Navarros in entrüstetes Geschrei („assassino!“, „traditore!“) ausbrachen und drohten, Guido sofort nach Venedig überführen zu lassen, auf Wegeners Kosten. Signora Navarro weinte still in ihr gesticktes Taschentuch hinein, Donata klammerte sich an die hysterisch kreischende Iris. Alle verstummten, als sie Lilienstein erblickten, der höflich grüßte, sich einen Stuhl heranzog und sich an ihren Tisch setzte. Auge und Auge mit einem Mörder. Lilienstein war auch nach zwanzig Jahren immer noch verblüfft, welche Gesichter Mord annahm.
„Wissen Sie jetzt, wer der Mörder meines Sohnes ist?“, fragte Signor Navarro heftig. „Wenn ja, sagen Sie es! Schnell! Ansonsten: Va!“
Lilienstein schluckte. „Ja, ich weiß, wer Guido umgebracht hat. Er sitzt hier am Tisch, wie es aufgrund der begrenzten Zahl der an der Feier Beteiligten nicht anders sein kann. Alles, was ich zu seiner Entschuldigung vorbringen kann, ist, dass er nicht wusste, was er tat.“
„Alkohol? Ich bitte Sie! Das war doch vorsätzlich gedacht!“, blaffte Iris.
„Da gebe ich Ihnen recht, Frau Wegener, Alkohol wäre keine Entschuldigung bei gleichzeitigem Wissen um die Gefährlichkeit von Barbituraten.“
„Ich verstehe Sie nicht, commissario“, schüttelte Gianni den Kopf, „worauf wollen Sie hinaus? Dass jemand zum Spaß diese Mengen Schlafmittel Guido in den Wein gefüllt hat?“
„Nicht zum Spaß. Sie, Gianni, haben mir heute die letzte Gewissheit gebracht. Ich habe Sie alle befragt, welche Personen denn auf der Junggesellenfeier anwesend waren. Ich bekam immer die gleiche Liste. Guido, Gianni, Alessandro, Signor Navarro, Herr Wegener, die fünf Freunde. Jeder schwor, dass sonst niemand da war. Und doch … Alessandro erwähnte es wie einen Traum, während Herr Wegener es detailliert in einer achtlos dahingeworfenen Bemerkung schilderte: Donata war kurz im Raum. Gianni hat es mir heute nach exaktem Nachfragen meinerseits bestätigt.“
„Donata? Was reden Sie da!?“ Iris Stimme wurde schrill. Sie sah sich nach Donata um, die leichenfahl von ihrem Stuhl aufsprang und wie gehetzt ins Haus stürzte.
„Gehen wir rasch hinterher“, murmelte Lilienstein, „ich erkläre es Ihnen auf dem Weg. Sehen Sie, Donatas Fingerabdrücke waren auf der Packung. Das sagte noch gar nichts, da sie Ihnen bestimmt mal die Packung ins Zimmer gebracht hat. Selbst ist sie ja zu klein für diese Tabletten, im Beipackzettel wird die Medikation von Kindern ausdrücklich abgeraten. Die kleinen Bemerkungen von Alessandro und von Herrn Wegener, der sich darüber aufregte, dass seine Enkelin mit einem ‚bacio‘ von Guido verdorben wird, blieben bei mir nicht als Bild haften. Erst als ich heute Morgen las, was noch in Guidos präparierter Flasche gefunden worden ist, klingelte es bei mir.“
„Was war das denn in der Flasche?“, fragte Alessandro atemlos, als sie die breiten Treppen zu Donatas Zimmer unter dem Dachgeschoss hoch hasteten.
„Der Flügel einer Wespe. Donata hat nicht nur im Trubel unbemerkt die zermahlenen Tabletten hineinrinnen lassen, sondern hatte, um ganz sicher zu gehen, dass Guido etwas passiert, eine Wespe in den Wein geworfen. Da im ganzen betonierten Kellerraum kein einziges Fenster existiert, muss die Wespe ‚künstlich‘ in den Raum gekommen sein. Sie hat Guido aber nicht mehr gestochen, sie war schon tot, als er sie mit dem Wein hinunterspülte.“ Lilienstein musste kurz Luft holen, während die anderen mit unglücklichem Gesicht weiter nach oben eilten.
Lilienstein rannte hinterher, er sah noch über die Köpfe der Navarros, wie sich Donata hinter einem riesigen Puppenhaus verkroch. Es stellte den farbenfrohen Hof der Wegeners in Miniaturform dar, Wilhelm Wegener hatte es eigens für seine Enkelin in freien Stunden gezimmert.
Iris warf sich auf ihre Tochter, die um sich schlug.
„Ich wollte nicht nach Italien! Ich will hier bleiben! Mit Gianni! Guido sollte nur lange Tage schlafen oder einen ganz dicken Mund haben, damit er nicht ja sagen kann …“ Ihre Stimme zitterte.
Lilienstein trat vorsichtig hervor und besah sich das kunstvolle Puppenhaus. Im Keller war eine Bar dargestellt, mit vielen Wein- und Whiskeyflaschen, dazwischen standen lachende schwarzhaarige Playmobilfiguren und ein Billardtisch mit gläsernen Murmeln. Behutsam zog Lilienstein unter dem Tischchen ein silbrig glänzendes Papier hervor. Es war das Folienblatt des Schlafmittels mit zwölf leeren Tablettenhülsen.
Lilienstein steckte es betreten in eine durchsichtige Tüte.

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Agnes Jäggi: Ein vernünftiger Mann


Krimi – Kriminalgeschichte – Kurzkrimi – Kurzgeschichte – Spannung


Ein vernünftiger Mann
© Agnes Jäggi


Karl Reisshaupt war bereit für Edwina. Ein Blick in den Spiegel sagte ihm dasselbe. Das weiße volle Haar unterstrich die Bräune seines kantigen Gesichts mit der markanten Nase. Der gepflegte Bart wies einige graue Strähnen auf, die Augen leuchteten so blau wie ein makelloser Himmel an einem heißen Sommertag. In einem teuren Modegeschäft hatte er sich neu einkleiden lassen. Mit dem Friseurbesuch hatte er sich besondere Mühe gegeben. Insgesamt zwanzig Salons hatte er aufgesucht. Seine Wahl fiel schließlich auf einen exklusiven Friseurladen mitten in der Stadt. Direkt gegenüber befand sich zufälligerweise ihr Lieblingslokal. Viele Jahre lang hatte Karl seine Edwina in dieses gediegene Restaurant ausgeführt. Hier hatten sie 37 Hochzeitstage gefeiert, Geburtstage, Beförderungen, Edwinas abgeschlossenes Psychologiestudium. Die Ehe war kinderlos geblieben. Karl hatte dies nie bereut, bei Edwina war er sich nicht so sicher. Sie sprachen nur zu Anfang ihrer Ehe darüber. Später rührte er nicht mehr an diesem Thema. Er vergötterte Edwina. Er erinnerte sich, wie die hübsche Brünette am Empfang gesessen hatte, als er sich in der Anwaltskanzlei beworben hatte. „Ich habe einen Termin bei Herrn Bachelard“, hatte er schüchtern der jungen Frau mit dem herzförmigen Gesicht und den rehbraunen Augen erklärt. Nach einem kühlen Blick auf Karl hatte sie den Hörer abgehoben und den Besucher gemeldet. „Gehen Sie ins erste Stockwerk zur zweiten Türe links. Die Sekretärin wird Sie zu Herrn Bachelard bringen!“ Ihre Stimme klang freundlich, doch das geschäftsmäßige Lächeln erreichte ihre Augen nicht. „Vielen Dank“, sagte Karl und dachte, wie schön und begehrenswert sie erst wäre, wenn auch ihre Augen lachten. Später bestätigte sich sein Verdacht. Nie würde er ihr strahlendes Lachen bei der Hochzeit vergessen. Sie war umwerfend, seine Edwina.
Jetzt war sie tot, von einem Auto auf dem Fußgängerstreifen überfahren. Selbst im Tode war sie noch schön. „Sie hat nicht gelitten“, hatte die Schwester leise gesagt und ihn mit Edwina allein gelassen. „Ich werde zu dir kommen, meine Schöne. Vorher habe ich aber noch etwas zu erledigen“, flüsterte Karl seiner Frau zu. Die Beerdigung und die Kondolenzbesuche ließ Karl mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Er war freundlich, sprach nicht viel, aber das erwartete auch niemand von ihm. In der Kanzlei, wo er der Seniorschef war, tauchte er nur noch selten auf. Die Leitung hatte er einige Jahre zuvor seinem Neffen Roman übertragen.
„Guten Tag, Fräulein Meinrad, wie geht es Ihnen?“ Das schüchterne Mädchen am Empfang lächelte den Seniorchef an und erkundigte sich ihrerseits nach seinem Befinden. Danach stieg Karl die Treppe hinauf zum ersten Stock, wo er Roman in seinem Büro begrüßte, bevor er sich in sein eigenes zurückzog. Roman war sichtlich überrascht, den alten Herrn in so guter Verfassung zu sehen. Er sah mindestens zwanzig Jahre jünger aus. Da er jedoch kein sehr gefühlsbetonter Mann war und nichts von Smalltalk hielt, begnügt er sich damit, Karl die Hand zu drücken und ihn kurz über die neuesten Fälle zu informieren. Nur zögernd hatte er dem Seniorchef schließlich die Akte des Autolenkers übergeben, der Edwinas Tod verursacht hatte. Roman hätte nicht sagen können, was ihn so beunruhigte. War es nicht selbstverständlich, dass sein Onkel sich für den Mann interessierte, der seine Frau überfahren hatte? Außerdem wirkte Karl ruhig und vernünftig. Dafür, dass er Edwina so abgöttisch geliebt hatte, hielt Karl sich wirklich gut. Oder? Roman schob die beunruhigenden Gedanken beiseite. Es war ihm lästig, über Dinge nachzudenken, die er nicht erfassen konnte.
Othmar Heiner war geschieden. Die beiden Söhne waren erwachsen und verheiratet. Othmar lebte in guten Verhältnissen, liebte die Frauen und er hatte ein Alkoholproblem. „Othmar, Othmar“, flüsterte Karl, „du hast dir die falsche Frau ausgesucht.“ Er schloss die Akte, nachdem er einige Notizen über Othmar Heiner in sein schwarzes Büchlein gekritzelt hatte. Bevor Karl Reisshaupt seine Kanzlei verließ, übergab er Roman die Akte. „Es ist doch alles in Ordnung?“ „Aber ja, du hast gute Arbeit geleistet. Der Mann war nicht betrunken, er war lediglich unvorsichtig“, antwortete Karl gleichmütig. Nachdem der alte Herr gegangen war, versuchte Roman sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. Es gelang ihm nicht. Schließlich rief er seine Frau Rosmarie an und bat sie, für Samstagabend ein Abendessen zu arrangieren und Onkel Karl einzuladen. „Das ist nett. Aber für Samstag habe ich andere Pläne. Grüß Rosmarie von mir. Bis bald.“ Roman nahm die Absage nicht übel. Er hat andere Pläne, das ist gut. Er wird sich ein neues Leben aufbauen. Er war froh, auch wenn die kleine Stimme in ihm drin noch nicht ganz zur Ruhe gekommen war.
Das gediegene Lokal mit seinem altmodischen Charme war gut besetzt. „Guten Abend Herr Reisshaupt“, begrüßte ihn Albin, der alte Kellner. „Es ist schön, Sie wieder einmal hier zu haben. Der Verlust Ihrer lieben Gattin hat uns alle tief getroffen.“ Karl dankte ihm. Er wurde an den selben Tisch geführt wie immer. Bevor Karl sich setzte, legte er eine rote Rose auf das Gedeck ihm gegenüber. Er saß eine Weile und trank ein Glas Burgunder. Dann stand sie vor ihm. Karl erhob sich galant, reichte der Frau die Hand und schob ihr den Stuhl zurecht. Der Kellner, der ihre Bestellungen aufnahm, war neu hier. Die elegante Blondine verströmte einen aufdringlichen Parfumduft. Sie war stark, wenn auch gekonnt geschminkt und hatte eine angenehme Stimme. „Ich habe mich über Ihre Einladung gefreut“, sagte sie endlich, „aber ich verstehe den Sinn nicht ganz. Othmar geht es ganz gut, auch wenn ihn dieser Unfall natürlich sehr aufgeregt hat.“ Nach einer Weile fügte die Blonde hinzu: „Um Ihre Frau tut es mir schrecklich leid. Othmar konnte nicht zur Beerdigung kommen, er stand noch zu sehr unter Schock damals.“ „Ach, das ist schon gut. Ich hatte eigentlich vor, Sie beide einzuladen, aber da er nun dringend einen Besuch außerhalb machen muss, dachte ich, es wäre nett, mit Ihnen ein wenig zu plaudern. Wissen Sie, es ist nicht einfach, an einem Samstagabend einen Tisch hier zu bekommen. Es ist unser Lieblingslokal.“ „Oh!“ Die Frau war irritiert. Auch wunderte sie sich darüber, dass ihr Lebensgefährte Othmar das Essen so kurzfristig abgesagt hatte. Er müsse eine Tante draußen in Oberstheim besuchen. Aber um Punkt zehn würde er sie direkt vor dem Restaurant abholen. Seine Stimme auf dem Anrufbeantworter hatte merkwürdig geklungen und von einer Tante in Oberstheim hatte sie nie zuvor gehört.
Dieser Karl Reisshaupt war ein attraktiver Mann, hatte gute Manieren und er schien den Tod seiner Frau einigermaßen überwunden zu haben. „Wie lange sind Sie schon ein Paar?“ hörte sie den Mann fragen. „Ich habe Othmar kurz vor seiner Scheidung, also vor ungefähr drei Jahren kennen gelernt.“ „Lieben Sie ihn?“ Sie verschluckte sich beinahe an ihrem Mineralwasser. Was für eine Frage. Nach kurzer Überlegung meinte sie: „Ich war schon einmal verheiratet und Martin war wohl die Liebe meines Lebens. Othmar ist nett. Ich denke, wir wollten beide einfach nicht einsam dem Alter entgegengehen.“ Sie war erstaunt, wie freimütig sie mit einem Fremden über ihre Beziehung zu Othmar sprach. Dann sagte er etwas, was sie erschauern ließ: „Ich habe Edwina geliebt. Es wird niemals eine andere Frau für mich geben. Ich will so schnell wie möglich mit ihr vereint sein.“ Der Rest des Abendessens verlief schweigend. Sie wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte.
Kurz vor zehn ließ Karl sich die Rechnung bringen. Er half seiner Begleiterin in den teuren Mantel, nahm sie beim Arm und führte sie zum Ausgang. Abwesend verabschiedete Karl sich von Albin. Der alte Kellner würde sich diesen Abend später noch oft in Erinnerung rufen. Zum einen weil es Karl Reisshaupts letzter Besuch gewesen war, zum anderen, weil er so kurz nach dem Dahinscheiden seiner Gattin, auf dieselbe tragische Weise und durch den selben Autofahrer, ums Leben gekommen war. Die blonde Dame sagte bei der Polizei aus, Karl Reisshaupt hätte gemächlich den Fußgängerstreifen überquert, als sich ihm ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit näherte. Sie erlitt einen Schock als ihr Begleiter auf die Motorhaube geschleudert wurde und sie den Mann am Steuer erkannte.
Einen kurzen Moment sah sich Othmar Heiner Auge in Auge mit Karl Reisshaupt. „Er hat gelacht, ganz gemein. Der Kerl hat mich hereingelegt, hat mich in dieses Pub bestellt, wo ich auf seine Kosten trinken und mich amüsieren sollte. Ich müsste lediglich um zehn vor diesem Laden sein, wo meine Alte ein Geschäftsessen hätte.“ Dies erzählte der betrunkene Mann erst den Polizeibeamten, dann dem Psychiater in der Klinik, schließlich seinen Trinkkumpanen auf der Strasse. Niemand hatte ihm geglaubt – außer vielleicht Roman. Hatte Karl nach seinem letzten Besuch in der Kanzlei nicht doch etwas zu gleichmütig gewirkt? Es war lästig, über solche Dinge nachzudenken. Karl war schließlich ein vernünftiger Mann gewesen. Dummheiten lagen ihm einfach nicht.

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Ein Grusel-Krimi-Kurzroman von Agnes Jäggi

Agnes Jäggi: Der fremde Tote
Agnes Jäggi
Der fremde Tote
Dr. Ronald Henss Verlag
Amazon Kindle Edition

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